„Danke für das Geschenk“ – Die Referenzebenen in Dialogen


Wenn wir miteinander sprechen, verwenden wir nicht einfach Laute, die als Wörter bei unseren Gesprächspartnern ankommen. Jedes Wort und jeder Satz ist unterlegt mit Emotionen und Haltungen, über uns, über unser Gegenüber, über das Thema, über aktuelle Situation, über die Lage der Welt … Umgekehrt hört unser Gesprächspartner nicht nur unsere Wörter, er oder sie interpretiert sie, um sie verstehen zu können. auch bei der Interpretationen spielen Emotionen und Haltungen hinein. Das kann zu gravierenden Missverständnissen führen. So belastend diese Tatsache im richtigen Leben ist, in unseren Texten, bietet sie den Ausgangspunkt für tiefgründige Dialoge. Die müssen sich nicht über Seiten hinziehen. Ein Wechsel von zwei oder drei Dialogbeiträgen sagt manchmal alles und deutet noch mehr an.

Die meisten von uns haben zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben Bekanntschaft mit dem Vier-Seiten-Modell von Friedemann Schulz von Thun gemacht. Laut Schulz von Thun hat Kommunikation vier Seiten, mit denen Sender (Sprecher) und Empfänger (Zuhörer) in jedem Dialog konfrontiert sind. Die vier Seiten sind die Sachinformation (Worüber der Sprecher/Sender spricht.), die Selbstkundgabe (Was der Sprecher/Sender von sich preisgibt.), der Beziehungshinweis (Was der Sprecher/Sender über den Zuhörer/Empfänger denkt und wie er zu ihm steht.) und der Appell (Was der Sprecher/Empfänger beim Zuhörer/Empfänger erreichen möchte.) Je nachdem, wie Spreche und Zuhörer eine Aussage auf den vier Ebenen interpretieren, gelingt oder misslingt Kommunikation – im richtigen Leben wie im Roman.

Betrachten wir passend zur Weihnachtszeit den Satz „Danke für das Geschenk“. Verschiedene Szenarien bieten sich an, die im Roman einen Dialog zu einem Instrument machen kann, wie Leser mehr über die Charaktere erfahren.

  • Tochter und Vater: Auf der Ebene der Sachinformation dankt die Tochter für ein Geschenk, ein Wörterbuch. Sie ist jedoch alles andere als begeistert. Zwar weiß sie, dass sie viele Rechtschreibfehler macht, aber sie interpretiert das Wörterbuch als Unterstellung, dumm zu sein. Insgeheim befürchtet sie das selbst. Ihr Dank ist formal, schließlich bedankt man sich für Geschenke, aber ihre Stimmung ist angeschlagen wie ihr Selbstbewusstsein. Das nächste Wort des Vaters kann einen heftigen Streit auslösen.
  • Tochter und Vater: Die Tochter bedankt sich für ein Geschenk, ein Wörterbuch. Sie ist begeistert, weil sie das Wörterbuch als Unterstützung in der Schule interpretiert. Sie weiß, dass sie gute Leistungen bringt und glaubt, dass ihr Vater das wahrnimmt und sie zu noch besseren Leistungen anspornen möchte. Ihr Selbstbewusstsein ist stabil, deshalb kann sie eine Anspielung auf einen Fehler im Wunschzettel lachend abtun.

Aus dem Mund der Charaktere, nicht durch Erklärungen des Autors, erfährt der Leser etwas über die Beziehung der Charaktere, erhält Einblick in ihre Vorgeschichte und in ihr Seelenleben. Es lohnt sich also, bei der Überarbeitung des Manuskripts den Dialogen besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

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