Erwarten Leser ein bestimmtes Alter von den Protagonisten?

 Als ich „Die Legendenweberin“ geschrieben hatte, sagte man mir, die Protagonisten seien nicht in einem Alter, mit dem Leser sich identifizieren. Der Mann ist Anfang siebzig, die Frau Ende sechzig. Beide gehören zu einer Altergruppe, die nicht nur immer größer wird  sondern auch einen immer größeren Anteil an der Bevölkerung ausmacht.

Wer identifiziert sich mit wem?

Laut Statistischem Bundesamt waren 2009, Erscheinungsjahr der „Legendenweberin“, 16,9 Millionen Menschen in Deutschland älter als fünfundsechzig Jahre, immerhin 21 Prozent der Bevölkerung. Geht man davon aus, dass Leser sich mit Protagonisten identifizieren, die ihnen ähnlich sind, wären das vom Alter her zahlreiche Personen gewesen, die sich mit Rüdiger Hinrichs und Klara Prüm hätten identifizieren können. Tatsächlich fanden ältere Leser „Die Legendenweberin“ interessanter als jüngere Leser.

Kinder bevorzugen Bücher mit Kindern als Protagonisten, Jugendliche bevorzugen ebenfalls Jugendliche oder junge Erwachsene, was ein Blick in das wachsende „Young Adult“-Segment im Buchhandel beweist. Der Rest der Leser tendiert anscheinend zu Protagonistinnen zwischen Mitte zwanzig und vagen mittleren Jahren, wobei weibliche Charaktere jünger sind als männliche. Das scheint keine neue Tendenz zu sein. In Clara Viebigs „Das Kreuz im Venn„, Erstveröffentlichung 1908, sind die Protagonistinnen ein junges Mädchen und eine Frau Ende zwanzig, die Protagonisten allesamt älter.

Diese Autfteilung würde bedeuten, dass es keine Bücher mit Protagonisten, die älter als fünfzig Jahre sind, geben sollte.

Die neuen Alten und ihr Spiegel in der Literatur

Ab einem nicht näher bestimmten Alter orientierten sich unter dieser Prämisse die Leser zu einer jüngeren Altersgruppe. Sie verfolgten atemlos und mit Herzklopfen die Abenteuer einer Dreißigjährigen und identifizierten sich freudig mit ihrem straffen Körper und makellosen Teint, und eben auch mit dem Erfahrungsschatz einer Dreißigjährigen.

Kann das die Leser auf Dauer befriedigen? Es gibt die „Neuen Alten“, jene Gruppe der im Wirtschaftswunderland Deutschland zu wohlhabenden Rentenbeziehern Gereiften. Es ist eine Zeitphänomen, in zwanzig Jahren wird diese Gruppe auf einen vernachlässigbaren Rest zusammengeschrumpft sein, aber jetzt sind sie da und sie sind selbst aktiv, gehen auf Bildungs- und Abenteuerreisen, beginnen neue Partnerschaften und amüsieren sich.

  • Sind diese potentiellen Leser auf die Liebestränen einer Dreißigjährigen angewiesen?
  • Müssen sie sich an den erotischen Abenteuern eines Vierzigjährigen ergötzen?

Eigentlich nicht, aber aus Sicht der Fachleute in der Buchbranche sollen sie genau das tun. Es wäre interessant, eine Bestandsaufnahme über das Alter von Protagonisten zu machen, um zu klären, wie viele von ihnen älter als fünfundsechzig sind und wie sie mit ihrem Alter umgehen.

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