By | 4. April 2019

Buchseite

Wenn wir eine Buchseite lesen, nehmen wir nicht nur Wörter auf. Wir spüren den Sinn der Wörter, den Rhythmus der Sätze. Wir fühlen mehr als dass wir lesen, was die Autorin sagt, was die Protagonisten sagen. Wir erleben die Stimme des Buches, der Autorin.

Auf der Buchseite tanzen – Wer tanzt da eigentlich?

Jedes Buch hat seinen eigenen Rhythmus. Leser, die einen Autor gut kennen, entdecken seine Stimme in jedem Buch. Doch von Serien abgesehen, ist jedes Buch ein Ausdruck von Freiheit und benötigt seine eigene Musik in der Sprache. Mit dieser Sprache, mit ihren Tempowechseln, dem An- und Abschwellen von Spannung, der Wahl der Wörter, Wortlängen und Satzlängen, gewinnt das Buch Individualität.

Doch die Wörter und Sätze fallen nicht von alleine auf die Buchseite. Die Autorin setzt sie dort hin. Sie ist es auch, in ihrer Unverwechselbarkeit, die ihre Leser auffordert, beim Lesen den Rhythmus wirken zu lassen.

Auf der Buchseite tanzen – Warum ist Sprache Bewegung?

Als körperliche Wesen bewegen wir uns, Leserinnen wie Autorinnen. Körperlichkeit und Bewegung gehören zusammen und sind Teil unserer menschlichen Erfahrung. Zugleich sind sie so selbstverständlich, dass wir nicht darüber nachdenken. Wir bewegen uns. Wir erkennen Bewegung. Wir reagieren auf Rhythmus.

Wegen dieser Selbstverständlichkeit nehmen wir den Rhythmus von Sprache meist erst wahr, wenn er uns unübersehbar begegnet. Das können Kinderreime sein, die mit Bewegungen kombiniert werden, das kann ein sprechender Gesang wie Rap sein.

Sehr viel subtiler verwenden Autoren den Rhythmus der Sprache, um sich selbst, aber auch um ihre Protagonisten auszudrücken. Ebenso gelingt es ihnen, Leser zu manipulieren, sie zu erregen oder zu beruhigen. Damit ist Sprache ein Instrument, mit dem Stimmungen und Haltungen ausgedrückt werden können. Autorinnen verwenden dieses Instrument zumeist unbewusst, sollten aber immer wieder versuchen zu verstehen, was sie tun und warum sie es tun.

Kommentar verfassen