By | 12. Dezember 2019

unnötige Muse

Entgegen hartnäckiger Gerüchte benötigen Autor*innen die unnötige Muse nicht. In Erich Kästners Kinderbuch Das fliegende Klassenzimmer soll der Erzähler mitten im Sommer eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Da er sich im heißen Berlin nicht dazu in der Lage sieht, fährt er in die Berge. Dort schreibt er mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel eine Geschichte, die im tiefsten Winter spielt. Abends holt in ein Kalb auf dem Weg zum Stall ab und lässt ihn wissen, dass es Zeit für das Abendessen ist. Alles was der Erzähler benötigte, war Druck (Die Geschichte musste innerhalb des Urlaubs fertig werden), Einstimmung (die schneebedeckten Gipfel) und Kontrolle (das freundliche Kalb).

Die unnötige Muse – Die Vorstellung, dass Kreativität von außen kommt

Die neun Musen galten im antiken Griechenland als Töchter des Zeus und der Mnemosyne. Jede von ihnen war für eine Kunst zuständig. Zu jener Zeit glaubten die Menschen, schöpferisches Denken komme nicht vom Menschen alleine, sondern werde ihnen von den Göttern eingehaucht. Daher stammt auch der Begriff Inspiration. Später übertrug man diese Fähigkeit auf Menschen, zumeist Frauen, die in anderen Menschen kreative Ideen weckten.

Die Vorstellung, dass Kreativität von außen in den Menschen wirkt, ist weiterhin weit verbreitet. Diese Vorstellung kann jedoch eine lähmende Wirkung haben, wenn Autor*innen darauf warten, dass die Muse zu ihnen kommt und endlich küsst. Vorher glauben sie sich nicht in der Lage, zu schreiben.

Die unnötige Muse – Die Suche nach der inneren Quelle der Kreativität

In einer Zeit, in der viele Menschen sich betont von jeglicher Religion abwenden, überrascht das Festhalten an der Vorstellung der Kraft der Muse. Dahinter verbirgt sich, in einigen Fällen zumindest, eine Entschuldigung, nicht schreiben zu müssen. Denn wenn es keine Muse gibt, die Idee und Ausführung in den Geist einflößen könnte, müssen Ideen und ihre Ausführung aus dem Menschen selbst kommen.

Der schnellste, effektivste und im Grunde einfachste Weg, die unnötige Muse hinter sich zu lassen, besteht darin, einfach anzufangen. Egal wie, egal wohin, Hauptsache, der erste Schritt wird getan. Der zweite Schritt besteht darin, nicht zurückzublicken auf die unschönen Formulierungen, sondern weiterzuschreiben, so oft und so schnell wie möglich. Wer sich dem Sog dieses schnellen Schaffens hingibt, empfindet ein Gefühl ähnlich dem beim Beginn einer Liebesbeziehung. Die Beziehung zwischen Autor*in und Werk ist tatsächlich wie eine Liebesbeziehung. (Vielleicht entstand aus diesem Gefühl der Ausdruck von der Muse geküsst werden.)

Dieser erste Entwurf darf voller Fehler sein. Erst wenn der erste Entwurf fertiggestellt wurde, ist es sinnvoll, mit dem Überarbeiten zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt existiert das Werk und die unnötige Muse wird nicht mehr benötigt.

Kommentar verfassen