By | 8. Februar 2018

Wer schreiben will, spürt immer wieder innere Widerstände, die die Kreativität einschränken. Dies ist der zweite Teil einer Serie mit sechs Teilen, in der ich die hartnäckigen Überzeugungen, die Autoren am Schreiben hindern, untersuche.

Inspiration. Sie hat viele Gesichter, neun insgesamt, denn es gibt neun Musen. Die Musen waren in der Mythologie Töchter des Gottes Jupiter und der Mnemosyne. Jede von ihnen war Schutzherrin einer Kunst, die Poesie teilten sie unter sich auf. Mit ihrem Kuss regten sie Menschen zu künstlerischen Taten und zur Wissenschaft an. Dieser Kuss symbolisiert die Vorstellung, dass Ideen nicht im Menschen entstehen, sondern ihm von außen eingegeben werden.

Diese Vorstellung hat sich über die Jahrtausende gehalten und wurde im neunzehnten Jahrhundert wiederbelebt. Wir sprechen heute noch von Künstlern als von der Muse geküsst und klagen darüber, dass wir keine Inspiration haben, dass keine Idee in uns hinein gehaucht wurde. In dieser Vorstellung sind die Menschen passiv, ist der Künstler abhängig von göttlicher oder wenigstens überirdischer Führung.

Dieses Bild des von einer eingehauchten Idee abhängigen Menschen scheint so wenig in unsere Zeit zu passen. Doch sogar Autoren, die Religionen kritisch gegenüberstehen, liebäugeln mit dem ausgebliebenen Kuss der Muse, wenn sie sich nicht in der Lage sehen zu schreiben, und kokettieren mit der Sympathie der Muse, wenn Leser ihr Werk loben. Wen die Muse gerade ignoriert, versetzt sie wenigstens in die Lage, sich in sozialen Medien über die schlechte Behandlung aufzuregen. Mitgefühl ist den Betroffenen sicher.

Doch darin liegt eine Gefahr: Das Fehlen der Inspiration gerät leicht zur Entschuldigung nicht zu schreiben. Ungeküsste Autoren warten auf das Eintreffen der Inspiration als Sturm (wie Cicero sie im alten Rom schon beschrieb), der sie mitreißt. Dabei ist die Inspiration vom Wort her ein Hauch, und ein Hauch wird oft nicht wahrgenommen. Um herauszufinden, ob die Muse nicht doch eine kleine Idee in ihren Kopf gehaucht hat, müssen Autoren schreiben. Regelmäßig. Jeden Tag. Gewohnheitsmäßig.

Schreiben ist Arbeit. Gleichgültig was Nicht-Schreibende Mitmenschen meinen, wer schreibt, arbeitet hart. Wer jemals ein Manuskript fertiggestellt hat, weiß das. Wer ein Manuskript fertiggestellt hat, kennt jedoch auch die Erfahrung, dass man einige Minuten oder auch einige Viertelstunden benötigt, um flüssig zu schreiben. Es ist dieses scheinbar vom Denken abgekoppelte Schreiben, das Autoren gerne als Inspiration beschreiben. Doch dieser Fluss der Sprache kommt aus dem Inneren des Schreibenden, aus der Sammlung der tausend täglichen Mini-Inspirationen. Dieser Fluss muss sich jeden Schreib-Tag neu den Weg von der Quelle in die Hand bahnen.

Diesen Weg erleichtern wir ihm, wenn wir regelmäßig schreiben. Wir müssen uns dazu trainieren, dass Wörter kommen, wenn wir sie brauchen. Wenn es uns gelingt, jederzeit etwas zu schreiben, versetzen wir uns auch in die Lage manchmal etwas Großartiges zu schreiben.

Andere Teile der Serie sind:

Was Schreiben verhindert 6: Wenn du es nicht schaffst, warum sollte ich es schaffen

Was Schreiben verhindert 5: Keiner kennt mich

Was Schreiben verhindert 4: Wer veröffentlicht schon meine Texte?

Was Schreiben verhindert 3: Ich bin eine(r) von vielen

Was Schreiben verhindert 1:  Ich habe keine Botschaft

 

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