By | 8. März 2018

Wer schreiben will, spürt immer wieder innere Widerstände, die die Kreativität einschränken. Dies ist der sechste und letzte Teil einer Serie, in der ich die hartnäckigen Überzeugungen, die Autoren am Schreiben hindern, untersuche.

Die Überzeugung, die hinter dem Argument im Titel steht, ist kompliziert. Einerseits greift der verschüchterte Autor auf Beispiele von Kollegen, die aus seiner Sicht viel besser schreiben als er, zurück. Wenn diese Autoren nicht erfolgreich, bekannt oder anerkannt werden, kann er es erst recht nicht schaffen. Zumal, hier greift eine weitere Überzeugung ein und verstärkt die Frustration, es sowieso viele, wenn gar zu viele andere Autoren gibt.

Der verschüchterte Autor gibt auf, träumt weiter vom Schreiben und vom Erfolg, und bringt kein Wort mehr zu Papier. Mit dieser Einstellung blockiert er sich effektiv und verhindert, dass er sich als Autor weiterentwickelt. Denn Autoren werden nur durch Schreiben besser, nicht durch jammern, hoffen und das Studium von Schreibratgebern.

Diese Überzeugung ist am schwersten zu durchbrechen. Da nur Schreiben hilft, der Autor aber nicht schreibt und glaubt, nicht schreiben zu können, bewegt er sich in einem Kreis der Untätigkeit. Der Stillstand kann nur mit Selbstdisziplin durchbrochen werden. Er sollte sich einen Termin setzen und schreiben. Zehn Minuten. Er sollte alles niederschreiben, was ihm durch den Kopf geht. Dabei sollte er nicht versuchen, eine Geschichte zu schreiben oder zu argumentieren. Das Ergebnis so einer Schreibsitzung spricht für sich.

Diese von Natalie Goldberg entlehnte Methode wende ich gerade in einem Sprachkurs mit Schwerpunkt Schreiben an. Zu Beginn einer Sitzung schreiben alle Teilnehmer zehn Minuten, ohne den Stift abzusetzen. Die meisten Teilnehmer schreiben außerhalb des Kurses keine längeren Texte als eine WhatsApp-Nachricht, weder in der Muttersprache noch auf Deutsch, und selbstverständlich nicht mit einem Stift auf Papier, nicht einmal auf einer Tastatur. Was sie in diesen zehn Minuten schreiben, ist überraschend lang (fast eine DIN A 4-Seite) und hat nicht mehr Fehler als ihre geplanten Texte. Inhaltlich haben die Ergebnisse dieser Übung mehr Tiefe als die meisten ihrer geplanten Texte, in denen sie diese Tiefe anstreben.

Wenn ihm nach einer Weile diese zehn minütigen Sitzungen zur Routine geworden sind, kann der Autor anfangen, als zweite Übung einen geplanten Text zu schreiben. Auf diese Weise gewinnt er (wieder) Sicherheit im Schreiben und produziert Texte, die, nach und nach, überhaupt mit denen anderer Autoren verglichen werden können. So entsteht langsam ein Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten.

Andere Beiträge der Serie:

Was Schreiben verhindert 5: Keiner kennt mich

Was Schreiben verhindert 4: Wer veröffentlicht schon meine Texte?

Was Schreiben verhindert 3: Ich bin eine(r) von vielen

Was Schreiben verhindert 2: Ich bin nicht inspiriert

Was Schreiben verhindert 1:  Ich habe keine Botschaft

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