By | 6. Februar 2020

täglich schreiben

Täglich schreiben, das ist ein Muss. So scheint es jedenfalls, wenn ich die Ratschläge in Blogs und sozialen Medien lese. Der Alltag scheint für manche Autor*innen nicht zu existieren. (Vielleicht ist er auch nicht sonderlich anspruchsvoll, ich habe diese Leute nicht gefragt.) Doch für die Mehrheit existiert er, und er hat die nervige Angewohnheit, sich zwischen Autor*innen und ihre Manuskripte zu drängen. Sind die Betroffenen dadurch minderwertige Autor*innen? Sicherlich nicht.

Täglich schreiben – Empfehlung und Realität

Ein weitverbreiteter Rat an Autor*innen ist, täglich zu schreiben. Die positiven Auswirkungen dieses täglichen Auseinandersetzens mit Ideen und ihrer Umsetzung sind nicht zu unterschätzen. Auf jeden Fall lernen Autor*innen, ihr Leben besser zu organisieren, um Zeit für das Schreiben zu schaffen. Nebenbei nimmt das Umfeld nach und nach wahr, dass ein Mensch schreibt und somit etwas produziert, also die Zeit nicht verschwendet. (Nicht wenige Mitmenschen betrachten das Schreiben, besonders das finanziell weniger einträgliche Schreiben als Zeitverschwendung und als Angriff auf ihre Ansprüche an die Zeit der schreibenden Person.)

Dummerweise ist der Alltag vieler Autor*innen durch Beruf, Haushalt, Familie und andere Verpflichtungen mit Aufgaben und Erwartungen vollgepackt. Jede freie Minute kann zu einer Kostbarkeit werden, doch leider fehlt dann of genug die Kraft, die kostbare Zeit zum Schreiben zu nutzen.

Wer es unter diesen Umständen nicht schafft, täglich oder wenigstens regelmäßig zu schreiben, fühlt sich oft minderwertig. Diese Selbstwahrnehmung ist nicht gerade förderlich für das freie Fließen der Kreativität.

Wann schreiben – Schreiben vor und hinter den Kulissen

Ehe wir uns dem Selbstmitleid hingeben, sollten wir einmal überlegen, welche unterschiedlichen Arbeiten zum Schreiben gehören. Wir müssen Ideen sammeln, die Struktur der Handlung entwickeln, Szenen entwerfen, Charaktere erfinden und sie mit Eigenschaften versehen, Hintergrundinformationen sammeln, und irgendwann schreiben. Das körperliche Schreiben ist nur ein kleiner Teil eines Schreibprojekts, für alle sichtbar vor den Kulissen.

Anders als das körperliche Schreiben geschehen die anderen Aufgaben ausschließlich im Kopf. Aber sie geschehen, und auch an hektischen Tagen geschehen sie mehr oder weniger bewusst. Jeden Tag. Auch das ist täglich schreiben, aber unsichtbar, eben hinter den Kulissen.

Aus meiner Sicht ist es für Autor*innen entscheidend, dass sie hinter den Kulissen, in ihrem Kopf an ihren Projekten arbeiten, an sie denken und sie weiterentwickeln. Wenn der richtige Zeitpunkt, ohne Druck und ohne Hektik, gekommen ist, haben sie Zeit und können in Ruhe körperlich schreiben, was sie so lange bearbeitet haben.

Wichtiger als täglich irgendetwas zu schreiben, ist, am Ende etwas Gutes zu schreiben und fertigzustellen. Von daher sollten wir Autor*innen uns nicht von Ratgebern unter Druck setzen lassen.

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