By | 9. Juli 2020

Kommentare

Nach Monaten oder Jahren Arbeit an einem Manuskript kommt der Moment, an dem fremde Augen den Text lesen dürfen. Als Autor*innen hassen wir diesen Moment, auch wenn wir wissen, wie wichtig die Kommentare der Testleser*innen sind. Deshalb sollten wir erst die Testleser*innen sorgfältig aussuchen und anschließend ihre Kritik würdigen. Das ist beileibe nicht einfach. Aber wir können es lernen.

Kommentare – Wie gehen wir mit ihnen um?

Ich glaube, die meisten Autor*innen bekommen zumindest ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie ihr Manuskript an die Testleser*innen schicken. Wir haben sehr viel Zeit mit diesem Test verbracht, er enthält viel von uns. Kritik am Text ist Kritik an uns.

Ganz können wir uns wahrscheinlich nie von diesem Gefühl lösen. Doch es hilft, wenn wir wenigstens versuchen, uns von dem Text zu emanzipieren. Wir haben den Text geschrieben, aber wir sind nicht der Text. Textleser*innen ist oft nicht bewusst, wie sehr wir uns mit dem Text identifizieren. Deshalb sollten wir in der Vorbesprechung des Testlesens auch unsere Ängste ansprechen. Erfahrene Testleser*innen und solche, die selbst schreiben, kennen das Problem und formulieren ihre Kritik entsprechend respektvoll.

Es hilft auch anzuerkennen, was für einen großen Dienst uns Testleser*innen erweisen. Es ist ein kleiner Personenkreis. Sollten wir wirklich absoluten Blödsinn produziert haben, wird dieser Blödsinn auf diese kleine Gruppe beschränkt bleiben. Wenn wir Fehler gemacht haben, helfen uns Testleser*innen, diese Fehler zu beheben.

Vor allem lernen wir den Fremdblick auf unsere Texte. Das ist eine Fähigkeit, die uns beim Schreiben und Überarbeiten weiterer Bücher helfen wird, mehr für die Leser*innen als für uns zu schreiben. Kommentare zu unserem Text helfen uns auch, unsere Stärken zu erkennen und – das ist nicht zu unterschätzen – diese Stärken zu dosieren. Wir können alles übertreiben, auch das, was wir gut können. Ebenso können wir lernen zu verteidigen, was uns als wirklich erhaltenswert erscheint.

Was sind die wirklich verletzenden Reaktionen?

Unter dem Vorbehalt, dass wir unsere Betaleser*innen mit Bedacht ausgesucht haben und sie unseren Test kritisch und respektvoll gelesen haben, sollten wir ihnen dankbar sein.

Es gibt jedoch Formen der Kritik, die unentschuldbar sind. Dazu gehört das Ignorieren des Texts. Wir liefern den Text ab und warten, erst geduldig, dann weniger geduldig, doch wir hören nichts mehr von unserer Testleserin oder unserem Testleser. Irgendwann kommt dann eine Rückmeldung, dass die Zeit zum Lesen fehlte oder dass das Lesen vergessen wurde. In so einem Fall ist das Ignorieren des Texts zugleich ein Ignorieren unserer Person, unserer Befürchtungen und Zweifel.

Manchmal beginnt ein Testleser oder eine Testleserin das Manuskript zu lesen, bricht aber ab. Das kann zahlreiche Gründe haben. Ehrlich ist, wenn er oder sie sagt, dass der Text nicht seinen oder ihren Lesegewohnheiten entspricht und eine objektive Einschätzung deshalb nicht möglich ist. Das tut weh, ist aber akzeptabel, schließlich können wir nicht alle Vorlieben gleichzeitig bedienen. Nicht zu akzeptieren ist, wenn der Grund für den Abbruch nicht genannt wird. Auch dies ist eine Form der Respektlosigkeit. Wir sollten sie hinnehmen und unser Verhältnis zu der Person sachlich überdenken.

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