By | 19. Juli 2020

Aufnahmeritual

Ein Aufnahmeritual ist oft schmerzhaft. Gefahr, Schmerz und Blut spielen eine Rolle. Eine schlechte Rezension schmerzt. Das Herz blutet. Und gefährlich für den inneren Frieden ist das Veröffentlichen eines Buchs auch. Deshalb ist eine schlechte Rezension ein Ritual, das die Aufnahme in den Club der veröffentlichten Autor*innen kennzeichnet. Mit einer schlechten Rezension steht man im Licht der Öffentlichkeit, beschmutzt, blutend, aber veröffentlicht. Aber kaum jemand jubiliert in diesem Moment.

Aufnahmerituale für Autor*innen

Wir haben in unserer Gesellschaft immer noch Rituale, die bestimmte Phasen des Lebens kennzeichnen. Da sind religiöse Rituale wie eine Taufe, da sind Ehrungen wie das Niederlegen von Kränzen. Im Sport fallen Rituale oft handfester aus, etwa bei einer Bierdusche. In solchen Ritualen wird etwas geopfert (der Kranz, das Bier), um höhere Mächte günstig für den neuen Abschnitt zu stimmen. Auch im Autorenleben gibt das Phänomen Aufnahmeritual. Mit jedem veröffentlichten Buch steht die Autorin vor den Lesern und erlaubt ihnen, ihre Gedanken, positiv wie negativ über sie zu ergießen. Negative Gedanken und böse Worte schmerzen wie Schnitte. Was anderes ist es als ein Ritual, wenn wir die Rezensionen unserer Bücher lesen? Wir wollen eigentlich Lobgesänge, doch dazwischen spielt immer jemand mit dem Messer.

Was aber können wir tun, wenn jemand das Messer der Kritik in uns (eigentlich unser Buch) gestoßen hat? So schwer es fällt, wir müssen lernen, dass wir nicht unser Buch sind. Und wir müssen akzeptieren, dass nicht jede*r Leser*in unser Buch mag. Vielleicht trifft es den Geschmack der meisten Leser*innen nicht. Aber irgendwo da draußen ist jemand begeistert. Und gerade diese Person schreibt keine Rezensionen.

Wir müssen auch akzeptieren, dass Rezensionen für manche Menschen eine Möglichkeit sind, negative Gedanken auszuleben ohne tatsächliche Gewalt anzuwenden. Schlechte Rezensionen schreiben als Therapie? Leider ja, oft sehr wortreich. Lesen wir  einmal die schlechten Rezensionen von Klassikern, von langjährigen Bestsellern. Das Buch ist zu lang oder zu kurz, die Charaktere nichtssagend oder unrealistisch, die Handlung verworren oder zu simpel, die Moral, Sprache oder Politik verwerflich, rassistisch, sexistisch, ignorant, widersprüchlich, hysterisch, typisch für [XY]. Und dann gibt es die schlechten Rezensionen, die fast wortgleich bei einem aktuellen politischen Sachbuch, einem zwanzig Jahre alten Krimi und einem hundert Jahre alten Roman auftauchen. Wie viel Aussagekraft haben sie?

Aufnahmeritual und das Leben danach

Auch wenn wir wissen, dass schlechte Rezensionen oft mehr über Rezensent*innen aussagen als über Bücher, fällt es uns trotzdem schwer, eine schlechte Rezension einfach zu vergessen. Die Wunde aus dem Ritual eitert oft ein Leben lang und verstärkt die Angst, die mit einer Veröffentlichung verbunden ist. Wird das nächste Buch wieder nicht gut sein?

Wir sagen immer wieder, dass man Kunst nicht einfach in Kategorien packen kann. Wenn es bei Kunst einen Interpretationsspielraum gibt, müssen wir lernen, dass unsere Bücher Kunst sind und von diesem Interpretationsspielraum profitieren dürfen. Es gibt kein gut oder schlecht. Es gibt Leser*innen, denen unser Buch gefallen wird, und solche, von denen wir sicher sagen können, dass es ihnen nicht gefallen wird. Wir sollten auf die Suche nach den Leser*innen gehen, die Interesse an unserem Buch haben, die ihm Wohlwollen entgegenbringen und aus diesem Grunde auch positivere Rezensionen schreiben werden.

Diese Leser*innen sollten wir ermutigen, unser Buch zu rezensieren. Wenn sie sich dazu durchringen können, werden wir uns über die Rezensionen freuen.

Die anderen Rezensionen dürfen wir dann überlesen.

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