By | 5. Juli 2020

Chaos im Manuskript

Ich bin ein misstrauischer Mensch, deshalb kann ich nicht glauben, dass es wirklich Autor*innen gibt, die ihr Manuskript planen und dann exakt so schreiben. Andererseits habe ich schon viele Ausarbeitungen gesehen, die vor lauter handschriftlichen Änderungen kaum noch lesbar waren. Aus diesem Grunde fürchte ich, dass Chaos im Manuskript gerade dann zuschlägt, wenn die Planung zu gut gemacht ist. Aber was ist dann?

Chaos im Manuskript – Viele Wege in verwirrte Erzählstränge

Wer sich einfach so hinsetzt und losschreibt, rechtfertigt das meistens mit Spontanität und Inspiration. Eine Geschichte muss sich organisch entwickeln können, die Charaktere brauchen ihre Freiheit, Kunst verträgt keine Zwänge. Das ist alles schön und gut, und wenn auf diese Weise ein guter Roman entsteht, ist nichts dagegen zu sagen. Diese Vorgehensweise hat einen entscheidenden Nachteil: Während der Anfang und das Ende irgendwie auch im planlosesten Autorenhirn vorhanden sind, fehlt meistens die Mitte. Die Mitte muss jedoch gefüllt werden, also setzen sich die Autor*innen brav an den Schreibtisch. Brav, aber wenig enthusiastisch. Und wenn die Mitte ausgefüllt ist, fehlt ihr das gewisse Etwas. Die Spannung. Vielleicht auch der Glitzer. Oder etwas anderes, das die Leser*innen motiviert, bis zum grandiosen Ende durchzuhalten.

Beim Durchlesen fällt dann das Durchhängen der Geschichte auf. Und die Tür zum Chaos wird aufgestoßen. Denn mit der Überarbeitung kommen neue Ideen, die passen dann nicht zu anderen Ideen, die müssen geändert werden, aber dann fehlen den Leser*innen Informationen, die müssen nachgereicht werden …

Wenn andere Autorinnen jetzt müde lächeln und auf ihre gute Planung hinweisen, sollten sie vorsichtig sein. Eine gute Planung ist keine Feiung gegen Inspirationsschübe. Kleine Änderungen am Gerüst der Szenen tun nicht weh. Und wenn dann in der Szene vorher etwas geändert werden muss, hat das nur selten Auswirkungen auf die Szene danach. Falls doch, ist das schnell umgeschrieben. Dass dadurch eine Erläuterung weiter vorne notwendig wird, lässt sich eben nicht vermeiden. Aber nachvollziehbar wird das alles erst, wenn ein neuer Charakter eingeführt wird. Dann kann sich ein anderer Charakter aber an dieser Stelle nicht so verhalten. Das ist schnell geändert, und der Hinweis, den die Szene liefern sollte, kann jetzt in eine andere Szene, die nun aber nicht mehr funktioniert, weil die Leser*innen den Zusammenhang nicht nachvollziehen können. Deshalb brauchen wir noch einen anderen Charakter, der an dieser Stelle den entscheidenden Satz sagt. Weshalb er in der Szene auftaucht, muss vorher noch erwähnt werden. Aber später stört er, also muss er diskret aus der Handlung geschubst werden. Mord oder Unfall oder Emigration? Vielleicht eine tödliche Krankheit? Aber das sollte früher angelegt werden …

Der einzige Ausweg (so banal es klingt)

Chaos im Manuskript ist unvermeidlich. Disziplinierte Autor*innen produzieren ein kleines Chaos, während die, die sich ihrer Kreativität ganz überlassen, zu wahrlich großem Chaos imstande sind. Damit das Manuskript lesbar wird, muss dem Chaos Einhalt geboten werden. Sonst geht das Manuskript unter, und die Autorin und der Autor versinken in Verzweiflung.

Was können Autor*innen in so einer Situation tun? Es wäre eine teure Idee, das Manuskript in diesem Zustand ins Lektorat zu geben und auf ein Wunder zu hoffen. Solche Wunder kosten viel Geld und Zeit, und der Zeitfaktor trägt meistens dazu bei, dass Lektor*innen es sich dreimal überlegen, so ein Manuskript anzunehmen.

Der einzige Ausweg ist, durchzuhalten und selbst Hand anzulegen. Dazu ist eine Bestandsaufnahme notwendig.

  1. Was war der ursprüngliche Plan?
  2. Wie sieht die Struktur des Manuskripts jetzt aus?

Es sollte immer eine Version des ursprünglichen Plans geben. Gleichgültig wie dieser Plan aussah, ob eine Planung einzelner Kapitel und Szenen, eine handgemalte Skizze oder ein paar Sätze zu Anfang, Hauptteil, Schluss, im Idealfall existiert eine Version ohne alle späteren Korrekturen. Warum sah dieser Plan so aus? Was war die Idee, was das Ziel? Versuchen Sie, Idee und Ziel noch einmal knapp zu formulieren. Und schreiben Sie diese Formulierung auf. Sie brauchen sie noch.

Der nächste Schritt kann nervtötend werden. Legen Sie eine Übersicht der Szenen, so wie sie jetzt sind, an. Versuchen Sie, einzelne Erzählstränge zu identifizieren und farblich zu markieren. Schaffen Sie sich mit den Farben eine weitere Ebene der Übersicht, sodass Sie im Idealfall anhand der Farbgebung einzelnen Erzählsträngen folgen können. Prüfen Sie jeden Erzählstrang auf Konsistenz. Was ist der Zweck dieses Erzählstrangs? Alles, was innerhalb des Strangs keinen Sinn ergibt, können Sie streichen. Das sind schon einmal ein paar Seiten weniger.

Versuchen Sie dann, Erzählstränge zu vereinigen. Überprüfen Sie, welche Charaktere was wo unternehmen. Erfüllen diese Aktionen ihren Zweck? Streichen Sie, was den Leser*innen nicht weiterhilft.

Wahrscheinlich werden Sie merken, dass Streichen süchtig machen kann. Wenn Sie mehr als einzelne Sätze streichen, löschen Sie die Textstellen nicht, sondern speichern Sie sie in einer gesonderten Datei. Vielleicht benötigen Sie Teile davon später wieder.

Setzen Sie sich ein Zeitfenster für das Entwirren des Chaos im Manuskript. Zu wenig Zeit setzt Sie unter Druck und macht Sie nachlässig. Bei zu viel Zeit kann es passieren, dass Sie wieder anfangen zu ergänzen. Das sollten Sie in diesem Stadium auf keinen Fall tun!

Lesen Sie anschließend das Manuskript durch und notieren dabei langweilige Passagen, Unklarheiten und überflüssige Informationen. Gehen Sie dann das Manuskript noch einmal wie oben beschrieben durch. Anschließend sollte es so weit aufgeräumt sein, dass Sie es Testlesern vorlegen können.

 

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