By | 2. August 2020

Isolation

Wer schreibt, beobachtet die Welt, filtert sie und konstruiert sie neu. Wie können diese Prozesse gelingen, wenn nichts passiert? Wenn man nichts beobachten kann, weil niemand die eigenen vier Wände verlässt? Weil sich alle isolieren und man selbst in körperlicher wie geistiger Isolation lebt? Glücklicherweise sind Schreibende nicht vollständig auf das Hier und Jetzt angewiesen. Ihre Welt ist weit. Sehr weit.

Isolation – Die Mauern aus Stein

Es gibt Menschen, die sitzen in Isolationshaft. Es gibt sie, in kontrollierter Form und unter klar definierten Bedingungen, auch in Demokratien. Sie kann auch willkürlich angeordnet werden, mit dem Ziel der Strafe. Unter diesen Bedingungen gilt sie als Folter. So weit griff die Isolation während des Lockdowns nicht. Aber für viele Menschen hatte diese Zeit etwas Zermürbendes. Die psychischen Folgen, für einzelne Menschen wie für die Gesellschaft, könnten gravierend werden. Welche psychischen Folgen genau zu erwarten sind, lässt sich jetzt noch nicht abschätzen. Und wir können davon ausgehen, dass nicht alle Folgen negativ sein werden.

Wenn das eigene Haus als Gefängnis wahrgenommen wird, hat das möglicherweise Folgen für die Kreativität. Erstickt unter dem Druck des Gebäudes, der Möbel, vielleicht auch der darin festgehaltenen Menschen, fühlen sich manche Auto*innen nicht in der Lage zu schreiben. Unsicherheit, Angst, der Mangel an Austausch tragen dazu bei.

Die Mauern aus Licht

Doch wie in dem alten Lied, sind für andere Autor*innen die Gedanken frei. Für sie ist es nicht wichtig, täglich realen Kontakt mit der Welt zu haben. Ihnen genügt ein kurzer digitaler Austausch in frei gewählten Netzwerken, dann begeben sie sich in andere Welten. Diese Welten finden sie in sich. Ihre Fantasie befreit sie aus den Zwängen der Realität. Ihre Beobachtungen beziehen sie aus zweiter Hand: aus Büchern, Filmen, Liedtexten. Auch so finden sie Kontakt zur Welt, finden Material zum Filtern und neu Strukturieren durch Schreiben. Besonders in beengten Verhältnissen ist eine halbe Stunde mit dem Laptop im Badezimmer eine kreative Flucht, die ihnen das psychische Überleben sichert.

Für einige Glückliche scheint der Lockdown fast nicht existiert zu haben. Sie konnten schreiben, in manchmal hart erkämpften Freiräumen, aber sie hatten einen Ausweg aus der Isolation. Mit ihrem Wissen um die Möglichkeit der Rettung aus der Abgeschlossenheit sollten wir uns für andere Krisen, die auf uns zukommen (egal welcher Art) wappnen.

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