Aus Kinderperspektive schreiben – auch für Erwachsene

Kinderperspektive

Kinderperspektive

Wenn wir eine Geschichte glaubwürdig aus Kinderperspektive erzählen wollen, müssen wir die geistigen und sprachlichen Voraussetzungen des Kindes berücksichtigen. Zugleich dürfen wir die Ansprüche (und Beschränkungen) erwachsener Leser*innen nicht vergessen.

Kinderperspektive — Wie sieht und beschreibt ein Kind die Welt?

Ein Buch aus Kinderperspektive ist nicht zwangsläufig ein Kinderbuch. Ist das Buch für Erwachsene gedacht, ergeben sich andere und weitreichendere Möglichkeiten, was Thematik und Sprache angeht.

Dabei ist es notwendig zu berücksichtigen, wie Kinder ihre Welt sehen und wie sie ihre Umgebung und die Menschen darin beschreiben würden. Bei der Sicht auf die Welt spielt auch die Größe von Kindern eine Rolle. Weil sie klein sind, erscheinen ihnen Erwachsene, Möbel, Bäume und Gebäude größer als uns erwachsenen Autor*innen. Aber auch das Verhältnis vom Himmel zur Erde oder der Horizont kann von Kindern anders wahrgenommen werden.

Kinder beobachten anders und sie ziehen ihre Schlüsse aus den Beobachtungen aufgrund einer anderen Weltsicht und eines anderen Weltwissens. Sie sind kreativer mit der Sprache oder sie verstehen feststehende Ausdrücke falsch und verwenden sie deshalb nicht immer so, wie Erwachsene es erwarten.

Erwachsene mit der Geschichte fesseln

Für erwachsene Leser*innen kann es anstrengend sein, seitenweise aus ihrer Sicht verzerrte Beschreibungen, naive Schlussfolgerungen und vermeintliche Fehler in der Sprachverwendung zu lesen.

Daher sollte nur sparsam aus der Kinderperspektive erzählt werden, der größte Teil des Texts sollte neutral bleiben. In Ruhe unsanft (Sleeping murder) von Agatha Christie hat Gwenda Reed eine Erinnerung an eine unheimliche Szene in ihrer Kindheit. Es stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass sie durch das Treppengeländer ins Erdgeschoss blickte. Die Affenhände, die um den Hals ihrer Stiefmutter lagen, waren Menschenhände in Handschuhen. Sprachlich bleiben Gwendas Erinnerungen in Erwachsenensprache.

Auch Überlegungen und Argumente aus Sicht des Kindes sollten vorsichtig eingesetzt werden. In Der Gott der kleinen Dinge sind einige Rückblicke aus der Perspektive der Zwillinge Rahel und Estha geschrieben. Die beiden sind es gewohnt, im Fluss zu schwimmen. Eines Nachts nehmen sie heimlich ein Boot, um zu einer Flussinsel überzusetzen. Unwillig erlauben sie ihrer Cousine Sophie aus England, mit ihnen zu kommen. Die Gefahren des Übersetzens sind ihnen nicht bewusst. Sie kommen auch nicht auf die Idee, dass Sophie vielleicht nicht schwimmen kann. Allerdings gibt Sophie das auch nicht zu, weil sie unbedingt dazugehören möchte. Das Boot kentert, mit tragischen Folgen.

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