Schreiben, was ich weiß? – die Praxis

was ich weiß

Schreib, was du weißt. Diesen Rat hören und lesen angehende Autor*innen oft. Das klingt vernünftig, aber ist das, was ich weiß, nicht zu wenig und muss immer zu wenig bleiben? Worüber kann ich überhaupt schreiben?

Was ich weiß oder was mich reizt?

Selbstverständlich dürfen nicht nur Politikerinnen politische Thriller und nicht ausschließlich Polizisten (oder Mörder) Krimis schreiben. Schreib, was du weißt, ist viel weiter gefasst. Andernfalls gäbe es keine Science Fiction, keine Utopien, und alle Charaktere müssten dasselbe Geschlecht wie die Autorin oder der Autor haben.

Was ich weiß ist vielmehr ein Auftrag zu beobachten und zu suchen und das, was ich auf diese Weise gelernt habe, in meinen Texten zu verwenden. Erfahrungen mit Menschen, ihrem Verhalten und ihrer Sprache erlauben mir, Charaktere ohne Vorbilder in der Realität lebensnah darzustellen. Auch wenn dieser Charakter ein Wesen aus einer anderen Dimension, von einem anderen Planeten oder aus einer anderen Epoche ist. Was ich nicht aus eigener Anschauung kenne, kann ich recherchieren. Und wenn ich keine Informationen über das Leben in einer Marskolonie finde, informiere ich mich über das Leben von Pionieren und Siedlern in abgelegenen Ecken dieser Welt und übertrage dieses Wissen auf die Marskolonie.

Wenn ich nur schreiben darf, was ich selbst erlebt und erfahren habe, schränkt das nicht nur meine Themen ein. Diese Beschränkung verhindert auch meine Entwicklung. Wenn ich als Frau versuche zu verstehen, wie ein Mann eine bestimmte Situation erlebt, lerne ich. Ebenso hilft es mir, meine Privilegien zu erkennen, wenn ich aus der Perspektive eines Charakters aus einer Gruppe ohne diese Privilegien schreibe. Vielleicht haben diese Erfahrungen Einfluss darauf, wie ich mein eigenes Leben in Zukunft gestalte, weil ich mich auf die Wahrnehmungen mir bisher wenig bekannter Personenkreise eingelassen habe.

Worum es wirklich geht …

Schreiben ist immer eine Form des Entdeckens und des Anwendens, also Lernen in einem völlig anderen Kontext als in der Schule. Wenn ich mich auf das beschränke, was ich weiß und kenne, bewege ich mich in einem sicheren Bereich. Ich kann über Dinge schreiben, die für andere neu sind. Für mich ist es eine weitere Runde auf vertrautem Terrain. Das schläfert meine Neugier ein, macht mich lethargisch und bequem. Wage ich es jedoch, mich in neue Bereiche hineinzudenken und dieses Neue in meinen Wissensfundus aufzunehmen, entwickle ich mich weiter und meine Leser*innen erfahren vielleicht auch nebenbei etwas Neues.

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