Tiefe im Roman erschaffen

Tiefe

Viele Menschen haben Angst vor der Tiefe. Sie stellen sich vor, sie müssen eine lange Leiter hochsteigen, bis zum Dach, bis zum Wipfel eines Baumes, vielleicht bis zu einem Felsvorsprung. Unter ihnen liegt die Welt. Weit unten, winzig klein, voll bestürzend vieler Details. Oder sie denken an einen See voll trübem Wasser mit schleimigen Pflanzen, die sich träge bewegen. Warum bewegen sie sich? Was windet sich zwischen den Stängeln, tief unter dem Wasser? Mal fürchten sie etwas, das sie sehen können, mal etwas, das sie nur ahnen. Seltsamerweise wollen sie genau diese Tiefe in Büchern. Da können sie sie genießen.

Tiefe erschaffen, die Emotion miterleben lassen

Wenn wir den Leser*innen die Möglichkeit geben wollen, die Emotionen der Charaktere mitzuerleben, müssen wir eine zweite Rolle annehmen. Neben dem Niederschreiben als Autor*innen benötigen wir die Fähigkeit, wie Schauspieler*innen in die Charaktere zu kriechen und die Handlung aus ihrer Sicht zu erleben. Wir benötigen das Wissen, das körperliche Wissen, wie sich Angst oder Wut äußern. Nur dann können wir Angst oder Wut nicht nur benennen, sondern mit Worten darstellen, damit die Leser*innen erfassen, was in den Charakteren vorgeht.

Das klingt schwierig. Tatsächlich kann es notwendig werden zu recherchieren. Wer nie einen allergischen Schock erlebt hat, bei sich oder bei anderen Menschen, benötigt Informationen: Was passiert im Körper, wie äußern sich diese Abläufe, wie sieht es aus, wie fühlt es sich an? Das Internet kann Fakten liefern, vielleicht auch ein Video. Gespräche mit Betroffenen können individuelle Details liefern, die nirgendwo aufgeschrieben wurden. Mit dieser Recherche im Hinterkopf beginnt das Eindenken in die Situation, darauf folgt das Einfühlen unter Einbeziehung erst der berichteten Emotionen, dann der bei sich vermuteten. Dabei beginnt bereits die Überlegung, wie sich die Charaktere in der Situation verhalten.

Details — mit Verben und spezifischen Adjektiven

Sie brach in Panik aus. Was sollen Leser*innen sich darunter vorstellen? Woher weiß diese sie, dass sie in Panik ausbricht? Falls sie ihr eigenes Verhalten selbst so kühl analysieren kann. Woher wissen andere Charaktere, dass Panik in ihr aufkommt?

Selbst wenn die beteiligten Charaktere die entstehende Panik nicht als solche benennen, erkennen sie an bestimmten Zeichen, dass etwas geschieht. Die Leser*innen benötigen diese Zeichen, um ihre eigenen Schlüsse ziehen zu können. Sie müssen hinter dem geröteten Gesicht den erhöhten Blutdruck sehen, hinter dem flachen Atem den schnellen Herzschlag spüren. Sie brauchen Verben (schwitzen, zittern, röcheln) und sie brauchen spezifische Adjektive (geweitet, flach, zitternd), um die Wahrnehmung des betroffenen Charakters im eigenen Körper zu erleben.

Ja, tiefgehende Darstellungen nehmen Raum ein. Der lässt sich an anderer Stelle einsparen.

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