Blind verliebt in Wörter? – Wie Autoren Texte lesbar machen können

 Verliebt sein ist schön, besonders wenn die Temperaturen schwärmerische Aufenthalte im Freien erlauben und sich unsere inneren Hochgefühle durch leuchtende Farben und Blütendüfte steigern. Da kann schon einmal ein missgünstiger Mensch schimpfen.

Verhängnisvolle Liebe zu Wörtern …

Mancher Liebe frönen wir jedoch eher in geschlossenen Räumen. Oft ist dies die Liebe zu den Wörtern und Worten, die wir zu Papier oder zu Display bringen. Auch da gibt es Störenfriede, die klagen und schimpfen. Anders als bei unserer eher fleischlichen Liebe handelt es sich um Leser, um professionelle Leser wie Rezensentinnen oder Lektorinnen oder erzwungene Leser wie Schülerinnen oder Freizeitleser, die nur ihren Spaß wollen.

Es übrigens leicht erkennbar, ob der Urheber des Textes nur über ein eingeschränktes Repertoire an Wörtern verfügte oder eben seine Vorlieben in jeden Satz und jeden Absatz schleichen ließ. Wer nur wenige Wörter kennt, um Eindrücke oder Sachverhalte zu beschreiben, verwendet oft einfache Wörter und setzt sie auch dort ein, wo sie eigentlich nicht hingehören. Den Wortverliebten zeichnet im Gegensatz dazu ein großer Wortschatz aus. Im Kreis der Favoriten sind die Wörter oft länger, ungewöhnlicher, auffallender als der alltägliche Sprachgebrauch für notwendig erachtet. Die Lieblinge zeichnen sich durch besondere Originalität aus.

Und genau diese Originalität wird den Lieblingswörtern zum Verhängnis. Der Leser begegnet dem Wort ein erstes Mal und freut sich. Er stößt im selben Absatz ein zweites Mal darauf und nimmt es hin. Er trifft das Wort auf der Seite viermal an. Seine Lippen schürzen sich, die Augenbrauen wandern aufeinander zu, der spitze Bleistift zuckt selbsttätig in Richtung des Worts.

Der Leser ist nun missgelaunt, schließt von dem mittlerweile anstößigen Wort auf das gesamte Buch und außerdem auf den Autor. Durchgefallen!

Wie können Autoren verhindern, dass ihre Wortverliebtheit ihrem Text Schaden zufügt?

Zunächst sind Selbstbewusstsein und Selbstkritik notwendig. Selbstbewusstsein ist das Bewusstsein der eigenen kleinen Ticks und Vorlieben, Selbstkritik das Eingeständnis, dass trotz bester Vorsätze die Leidenschaft doch wieder durchgebrochen ist.

Zum Selbstbewusstsein gehört,

  • beim Schreiben wie beim Überarbeiten die Ticks und Vorlieben zu erkennen.
  • die Ticks und Vorlieben auf einer Liste festzuhalten.
  • beim Überarbeiten diese Liste zur Hand zu haben und im Text nach den aufgeführten Ticks und Vorlieben zu suchen.
  • alternative Wörter und Ausdrücke zu sammeln und zu verwenden.

Zur Selbstkritik gehört,

  • den Testlesern die Liste der identifizierten Ticks und Vorlieben zu geben.
  • die Testleser zu bitten, was sich im Text häuft, rigoros anzustreichen.
  • die Testleser aufzufordern, die Liste der Ticks und Vorlieben zu ergänzen.

Niemand ist dagegen gefeit, bevorzugte Wörter viel zu oft zu verwenden. Ein wichtiger Schritt für jeden Autor, gleichgültig welche Texte er schreibt, ist die Erkenntnis, dass Texte nicht perfekt niedergeschrieben werden. Die Arbeit am Text, seine Überarbeitung und Veränderung, ist sehr wichtig und geht weit über die bloße Korrektur von Rechtschreibfehlern hinaus.

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