By | 25. März 2018

Ein Text ohne Wörter ist kein Text, ein Text mit zu vielen Wörtern ist unlesbar. Unlesbar ist er nicht, weil Leser nicht in der Lage sind, mehr als eine begrenzte Menge Wörter zu verarbeiten, sondern weil Wörter sich gegenseitig blockieren können und damit die Leser zwingen, zwischen den Zeilen zu springen. Dieses – meist unbewusste – Springen wirkt sich negativ auf den Lesegenuss aus.

Wir alle haben schon solche Texte gelesen. In einigen Fällen liegt das Problem nicht beim Autor, sondern beim Übersetzer. Wenn bei der Übersetzung zu viel von der Originalsprache zurückbleibt – erkennbar zurückbleibt – leidet der Text, und später der Leser. Ich erinnere mich an Fachbuch während meines Studiums, das aus dem Französischen übersetzt worden war. Man konnte den französischen Satzbau wiedererkennen, leider nicht den deutschen finden. Der Autor war in diesem Fall unschuldig, der Übersetzer und der Lektor, der den Text freigegeben hat, haben zusammen ein fast unlesbares Buch produziert.

Bei muttersprachlichen Texten trägt hingegen der Autor die Verantwortung für die Wörter. Sein Lektor sollte zwar einschreiten, wenn der Lesefluss durch zu viele und ungünstig platzierte Wörter unterbrochen wird, doch kein Autor sollte es soweit kommen lassen.

Die Wortarten sind grundsätzlich alle imstande, einen Text zu blockieren. Doch bei einigen fällt es schneller auf.

Nomen (Substantive) verlangen zu ihrer Trennung entweder ein Komma oder ein und. Dadurch bekommt eine Anhäufung von Nomen ein solches Gewicht, dass auch weniger erfahrene Autoren beim Lesen des Textes ihren Fehler bemerken. Ihr prachtvolles Kleid mit Spitze und Brokat, Perlen, Stickereien, Volants und Applikationen von Samt zog alle Blicke auf sich.

Präpositionen wiederum benötigen ein Nomen vor (selten hinter) dem sie stehen. Alleine können sie nicht auftreten. Nomenanhäufungen mit Präpositionen klingen so schwerfällig, dass auch unerfahrene Autoren erkennen, dass sie Änderungen vornehmen sollten. Überall im Zimmer, auf dem Sofa, auf den Sesseln, auf dem Schrank, hinter dem Fernseher, auf dem Heizkörper, unter dem Beistelltisch, rollten sich süße Katzen zusammen und schnurrten.

Verben sind die wichtigste Wortart. Sie informieren über das, was passiert und wann es passiert oder passierte. Sie sind dynamisch und drücken Aktivität oder deren Mangel aus. Ein Zuviel an Verben ist schwer vorstellbar. Da jedoch einige Zeitformen und das Passiv ein Hilfsverb benötigen, kann es zu einer unansehnlichen Häufung des Hilfsverbs kommen. Der Lesefluss ist normalerweise nicht beeinträchtigt. Eine Umstellung des Satzes oder die Wahl einer anderen Zeitform kann hier weiterhelfen. Da er schon immer gerne gelesen hat, hat sie ihm ein Buch gekauft.

Wortarten, deren blockierende Wirkung im Text nicht immer auf den ersten Blick auffällt, sind Adjektive und Adverbien.

Adjektive benennen Eigenschaften. Eine Anhäufung von Eigenschaften erzählt keine Geschichte, tatsächlich passiert nichts ohne ein Verb. Wenn Leser sich erst durch ein Gebüsch aus Adjektiven arbeiten müssen, um durch das Verb zu erfahren, was eigentlich passiert, verlangt das viel Konzentration. Adjektive helfen zwar, Atmosphäre zu schaffen, aber sie sind nur Helfer. Die eigentliche Arbeit macht das Verb. Darum sollten Autoren darauf achten, sparsam aussagekräftige Adjektive einzusetzen, wenn sie Nomen ergänzen möchten.

Adverbien geben zusätzliche Informationen zum Verb oder zu Adjektiven. Da sie oft aussehen wie Adjektive, ist nicht jedem Autor bewusst, wann er ein Adverb verwendet und wann ein Verb. einige Adverbien sind leicht zu identifizieren, etwa sehr. Die Aufgabe von sehr ist, das Adjektiv dahinter zu stärken. Da sehr jedoch nicht in der Lage ist, die Bedeutung des Adjektivs zu präzisieren, ist ein aussagekräftigeres Adjektiv oft die bessere Wahl. Glutrot schien die untergehende Sonne auf die romantische Landschaft, schimmerte golden auf dem stillen, glatten Wasser des riesigen Sees und gab dem alten, knorrigen Baum am Ufer desselben einen sehr interessanten Glanz.

In der Schule lernen wir nur selten, dass die Überarbeitung eines Texts mehr umfasst als die Korrektur der Rechtschreibung. Manche Jungautoren sind schockiert, wenn sie hören, dass die Endversion eines Texts oft nur noch wenig Ähnlichkeit mit der ersten Version aufweist. Wer mit der umfassenden Überarbeitung eines Texts beginnt, merkt jedoch schnell, dass eine Änderung die nächste nach sich zieht. Darum ist es erlaubt, so viele Adjektive und Adverbien in die erste Version zu schreiben, wie es in diesem ersten Moment richtig erscheint. Wichtig ist, dass anschließend jedes Wort auf seine Daseinsberechtigung überprüft wird.

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