By | 9. September 2018

SchriftzeichenMit Schrift und Schriftzeichen kennen sich nicht nur Autoren aus. Wenn wir über Sprachen lernen sprechen, fühlt sich jeder als Experte. doch nur wenige wagen sich an eine neue Sprache, die es notwendig macht, eine neue Schrift zu lernen. Doch diese Erfahrung eröffnet eine ganz neue Sicht auf das, was man so sicher zu beherrschen glaubte.

Zweihundert Seiten ohne Sinn, aber voller Schriftzeichen

Vor einem Jahr saß eine ältere Frau bei mir im Sprachkurs. Sie konnte sich fließend vorstellen, übersetzte für ihre Nachbarin und schrieb selbstbewusst jene ersten Phrasen über Name, Wohnort und Herkunft an die Tafel. Dann öffnete sie ihr neues Kursbuch. Ihr Gesicht erstarrte. Zehn Minuten sagte sie nichts, ließ den Unterricht an sich vorbeifließen. Dann stand sie auf und erklärte, der Kurs sei nichts für sie.

Jetzt sitzt sie wieder in meinem Kurs, diesmal ein Kurs, dem ein systematischer Erwerb der lateinischen Schriftzeichen vorgelagert ist. Sie stellt sich fließend vor, übersetzt für die anderen Kursteilnehmer, schreibt selbstbewusst Buchstaben, Zahlen und einzelne Wörter an die Tafel. Sie liest kurze Sätze und schreibt sie ab. Oft haben alle Schriftzeichen in einem Wort die gleiche Höhe, ungeachtet der Form, die sie als große oder kleine Buchstaben kennzeichnet. Wenn ich sie darauf hinweise, korrigiert sie das Wort. Sie gehört zu den besten im Kurs.

Schrift ist der Boden, auf dem wir stehen

Ich habe Teilnehmer in fortgeschrittenen Kursen, die sich auf ein Studium vorbereiten. Sie führen ihr Heft von rechts nach links.

Die gleichen Teilnehmer verfassen inhaltlich komplexe Briefe, einige machen kaum Rechtschreibfehler. Doch alle Schriftzeichen sind gleich groß und die Abstände zwischen den Buchstaben variieren so stark, dass Wortzwischenräume nicht eindeutig zu erkennen sind. Die eigene Schrift zu lesen, fällt diesen Teilnehmern schwer.

Einige Teilnehmer lesen das i als u, andere als n. Es sieht den entsprechenden Schriftzeichen in ihren Schriften ähnlich.

Andere Teilnehmer versuchen, beim Vorlesen zwischen Konsonanten Vokale einzubauen, weil sie in ihrer Schrift daran gewöhnt sind, Vokale zu sprechen, die man nicht schreibt.

Und einige Teilnehmer haben die lateinischen Buchstaben von wohlmeinenden Nachbarn gelernt, die ihnen die Namen der Zeichen, aber nicht ihren Lautwert vermittelt haben. Sie versuchen, deutsche Wörter mit den Buchstabennamen zu lesen.

Wieder andere Teilnehmer sprechen fließend und können Gehörtes verstehen. Sobald sie sich zu Geschriebenem äußern sollen, etwa einer Wohnungsanzeige oder einer Einladung zum Geburtstag, vergessen sie ihre Grammatik, stottern und wissen nicht, was man von ihnen will.

Unsere Schrift gibt uns Sicherheit. Was wir vergessen könnten, schreiben wir auf. Was uns wichtig ist, kritzeln wir auf eine Serviette oder den Handrücken. Unsere Schrift stützt und entlastet uns. Wir bedienen uns ihrer Dienste, ohne lange nachzudenken. Eine Welt, in der uns nicht mehr unsere Schrift umgibt, sonders eine andere, ist undenkbar. Entsprechend behandeln wir Menschen, die unsere Schrift (noch) nicht beherrschen.

Was sagt das über unsere Fähigkeit zur Selbstreflexion?

 

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