By | 21. Januar 2018

Immer wieder hören oder lesen wir von Autoren, die von sich behaupten, sie wollten sich ausdrücken, den Lesern vermitteln, was sie fühlen, was sie denken, wie sie ticken. Einige Bücher, die das versuchen sind genial, die meisten hinterlassen beim Leser eher ein ungutes Gefühl denn Begeisterung. Das kann selbst bei sehr gut geschriebenen Büchern geschehen. Was löst dieses unbestimmbare, aber eindeutig schlechte Gefühl aus?

In vielen Fällen liegt es daran, dass der Autor den Rat „Schreib über das, was du kennst“ wörtlich genommen hat. Wer nur schreibt, was er kennt, bleibt bei seiner eigenen Perspektive hängen. Die eigenen Gefühle, die eigenen Ansichten, die eigenen Meinungen kleben an jedem Charakter, an jeder Szene, an jedem Satz. Das wirkt auf den Leser wie eine Predigt oder ein politisches Manifest. Zwischen den Zeilen lauert immer der Autor und preist seine Agenda an.

„Schreib, was du kennst“ ist die Aufforderung, das eigene Wissen und Empfinden in nie erlebte Situationen zu tragen und zu beschreiben, wie Menschen in solchen Situationen fühlen und handeln. Das Äußere, die Welt der Szene, kann man recherchieren und entsprechend schildern. Doch wir tragen unsere Angst, unsere Einsamkeit, unseren Zorn in diese neue Welt, nicht uns selbst. Damit verlassen wir unsere eigenen Erfahrungen, auch unsere Erfahrungsmöglichkeiten. Wir lassen uns selbst zurück am Schreibtisch und schicken unsere Charaktere in unbekannte Welten. Was wir verwenden, um unseren Charakteren Leben einzuhauchen ist ein Destillat unserer Erfahrungen.

Dazu gehört, dass wir in unserem realen Leben lernen, auf unsere Emotionen zu achten. Wir müssen uns anhalten, eine Emotion wachrufen zu können, wie ein Schauspieler, sie in Worte zu kleiden und auf die Bedürfnisse unseres Charakters auszugestalten. Dann drücken wir nicht mehr unsere Freude aus, sondern die unseres Charakters. Der ist für die Leser viel interessanter als wir.

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