Gute Enden – ohne Hoffnung

Was ist ein gutes Ende für ein Buch? Spontan denkt man an ein Happy End: die guten Liebenden kriegen sich, die Bösen erhalten eine Strafe und alle Probleme sind für immer aus dem Weg geräumt. Für bestimmte Genres mag so ein Ende ein gutes Ende sein. Aber nicht jedes Buch gehört zu diesen Genres. Für solche Bücher sind andere Enden gute, wenn nicht sogar bessere Enden.

Auf der Suche nach dem richtigen Ende für ein Buch sollten wir uns fragen, was Leser erwarten. Wir müssen also ein klares Bild von unseren Lesern haben und wissen, was wir ihnen geben müssen und was wir ihnen zumuten dürfen.

Sind die Leser Kinder, die Spannung, aber auch handhabbare und fantasievolle Lösungen benötigen? Kinder brauchen gute, zumindest positive Enden. Wollen die erwachsenen Leser ein Rätsel lösen – ein Rätsel der Art Wer kriegt Wen oder Wer war der Täter? Solche Leser erwarten ein eindeutiges, aber nicht vorhersagbares Ende, bei dem alle Handlungsstränge mit sauber verknotet werden. Wollen die Leser Beziehungen betrachten, die Entwicklung von Charakteren verfolgen oder realitätsnahe Abläufe beobachten? Dann sind psychologische, soziale und organisatorische Wahrhaftigkeit gefragt.

Auch in Büchern, deren Genre weniger starke Erwartungen bedienen, muss ein gutes Ende zwei Eigenschaften erfüllen: Es muss überraschend und zugleich unausweichlich sein.

Diese beiden Eigenschaften scheinen sich nur auf den ersten Blick auszuschließen. Beispielsweise bei einer Liebesgeschichte muss der Leser wünschen, dass diese beiden Menschen zusammenfinden. Gleichzeitig lassen die Umstände, unter denen diese Menschen handeln, ein Zusammenfinden immer unwahrscheinlicher erscheinen, bis es dann doch geschieht. Diese Wende darf nicht unglaubwürdig erscheinen. Sie lässt sich unterschwellig vorbereiten, bis sie in ihrem ganzen Ausmaß offensichtlich wird.

Offene Enden sind vielen Lesern unangenehm. Den Haupthandlungsstrang sollten Sie deshalb so weit wie möglich zu Ende erzählen. Je weniger bedeutsam die Nebenstränge sind, desto eher verzeihen Ihnen die Leser, wenn Sie keine eindeutige Antwort liefern.

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