By | 10. November 2019

beste FreundeIn Marketing-Ratgebern liest man, dass man die Nähe zu den Kund*innen suchen, auf ihre Bedürfnisse und Wünsche eingehen und sie übererfüllen soll. Um in einen Austausch mit den Kund*innen zu kommen, soll man Fragen stellen und auf die Antworten maßgeschneiderte Produktlösungen anbieten. Für Autor*innen sind Leser*innen Kund*innen. Besonders in sozialen Netzwerken wirkt es oft so, als bestünde zwischen Autor*in und Leser*in ein inniges, gar freundschaftliches Verhältnis. Aber Autor*in und Leser*in als beste Freunde – geht das?

Beste Freunde – Erwartungen und Enttäuschungen

Beste Freunde und Freundinnen sagen sich alles. So sollte es in realen Freundschaften sein. Diese sind nicht zu verwechseln mit den Beziehungen, die in sozialen Netzwerken gerne als Freundschaft bezeichnet werden, in Realität aber oft den Beigeschmack von Preisgabe des Privatlebens, Datensammeln und Waren (Bücher!) anpreisen haben.

Auf der einen Seite stehen die Autor*innen, die in Ratgebern lesen, dass sie als authentische Personen auftreten sollen. Dazu gehört das Bild vom gedeckten Tisch fürs Sonntagsfrühstück, vom Hund auf dem Liegestuhl und vom Karton mit den frisch gelieferten Exemplaren des neuen Buchs.

Auf der anderen Seite stehen die Leser*innen, die diese Offenbarungen kommentieren, sich darüber freuen, dass es dem Hund wieder besser geht, und versprechen, das neue Buch zu kaufen und lesen. Vielleicht tun sie sogar eins davon, im Idealfall beides. Eine Garantie gibt es nicht.

Beste Freunde – Unter den Blicken der Neugierigen schreiben

Wichtig ist auch zu überlegen, was es für das Schreiben bedeutet, wenn Tausende neugierig und mit guten Ratschlägen über die Schulter sehen. Es hat in der Vergangenheit Experimente gegeben, in denen sich Autor*innen entschieden haben, öffentlich zu schreiben und so ihr Publikum am Entstehungsprozess ihres Buchs teilhaben zu lassen. Ein Beispiel dafür ist Marcus Becker. Seine Art des Schreibens ist nicht mit dem Schreiben im Café oder daheim im Schreibtisch vergleichbar.

Umgekehrt sind die Zuschauer*innen nicht mit den Freund*innen in den sozialen Medien vergleichbar. Die einen interessieren sich für den Schreibprozess und hinterfragen ihr eigenes Verständnis von Kreativität, die anderen suchen die Nähe einer bekannten Person.

Diese Suche nach Nähe ist mit der Hoffnung auf Aufmerksamkeit verbunden. Um die diesen Wunsch zu befriedigen, müssen die Autor*innen auf die Kommentare eingehen. Das kostet Zeit, und es fordert eine mindestens minimale emotionale Anteilnahme, die in der Summe viel Kraft kostet. Zeit und Kraft fehlen beim Schreiben, das gleichzeitig den hohen Erwartungen der Freund*innen genügen muss. Genügt es das nicht, aus welchen Gründen auch immer, kann selbst sachlich vorgebrachte Kritik der Freund*innen verletzen, mehr als die Kritik realer Freund*innen, die im Normalfall weniger Nähe verlangen.

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