By | 9. August 2020

Leistungsdruck

Als im März in einer panisch anmutenden Aktion Schulen und Geschäfte schließen mussten und der Bevölkerung Kontaktbegrenzungen auferlegt wurden, schien der Moment gekommen zu sein, auf den Autor*innen insgeheim warteten: Zeit zum Schreiben. Tatsächlich gab es vor allem in Frankreich bald Corona-Tagebücher von Autor*innen zu lesen, Leila Slimani bezeichnete die Ausgangssperre in der Zeitung Le Monde als Glücksfall. Sowohl die Corona-Tagebücher als solche als auch Slimani wegen ihrer Aussage wurden kritisiert. Für viele Autor*innen, die sich nicht aufs Land zurückziehen konnten, bedeuteten solche Aussagen Leistungsdruck.

Leistungsdruck – Du hast doch jetzt Zeit

Ein Teil der Bevölkerung begann, Haus und Garten auf Vordermann zu bringen und auch die letzten Wollmäuse hinter dem Kleiderschrank zu verjagen. Einige Autor*innen saßen an ihren Texten, die sie schon vor dem Lockdown begonnen hatten. Andere setzten sich ans Laptop, weil sie nur dort Ruhe vor der nervenden, stets anwesenden Familie hatten. Aber die Blicke der Familie, der Freunde, nicht zuletzt bei den bekannteren Autor*innen auch die Blicke der Medien, enthielten Vorwurf: Warum, schienen die Blicke zu fragen, schreibst du nicht das Meisterwerk des Jahrhunderts? Du hast doch jetzt Zeit.

Zeit war aber zu einem raren Gut geworden, für Autorinnen (ohne Sternchen) noch rarer als Toilettenpapier. Die Familie war in der Wohnung versammelt und entweder gelangweilt oder mit manischem Aufräumen beschäftigt. Das Home-Schooling sollte betreut, das Home-Office bearbeitet werden. Die Fenster waren (anders als in den Wohnungen gegenüber) schmutzig, und alle hatten zu verschiedenen Zeiten Hunger. Schreiben? Wann? Und was?

Die Zeit verging zugleich langsam und wie im Flug. Am Abend war oft nichts geschrieben. Aber befreundete Autor*innen posteten auf Facebook die Zahl der Seiten, die sie (angeblich) geschrieben hatten.

Die Perspektive sind Ferien

Die Freiheit der von zuhause aus Arbeitenden ist stark abhängig von einer Struktur außerhalb des Hauses. Zu dieser Erkenntnis kamen im Frühjahr 2020 viele Autorinnen (wieder ohne Stern), wenn sie (noch) mit ihren Kindern zusammenlebten. Und diese äußere Struktur erscheint weiterhin äußerst wackelig. Schule und Kindergärten nahmen mit fantasiereichen, für Eltern aber wenig befreienden Unterrichts- und Betreuungsplänen den Betrieb wieder auf, um gleich darauf für die Sommerferien zu schließen. Wie der Unterricht nach den Ferien gewährleistet wird, ist unklar, noch unsicherer ist die Betreuung von Kindergartenkindern. Wer schreibt, braucht Freiheit im Kopf. Immerhin müssen neue Welten hineinpassen. Doch der Kopf ist oft voll mit nur allzu alltäglichen Fragen.

Gleichzeitig rinnt die Zeit. Das Manuskript ist nicht fertig geschrieben. Der Test ist nicht überarbeitet. Die Vorschläge aus dem Lektorat liegen unbeachtet herum. Das Cover ist nicht geplant und noch lange nicht designt. Bücher und E-Books wollen veröffentlicht werden. All das scheint in einem Stau zu stecken. Die Erwartungen sind vielleicht mittlerweile auf die Bewältigung der normalen Abläufe zurückgefahren. Der Leistungsdruck bleibt, gefühlt ist er gestiegen.

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