By | 24. September 2020

Mein Charakter

Selbstverständlich, denken Sie vermutlich. Mein Charakter ist nicht identisch mit mir. Der Charakter ist erfunden, ich bin real. Das auszusprechen, ist wichtig. Ich habe meine Werte, meine Eigenschaften, meine Handlungsmuster. Bei einem Charakter muss all dies anders sein. Achte ich nicht auf diese Unterschiede, beschreibe ich immer wieder nur mich. Wie kann ich das verhindern?

Mein Charakter und ich – Eigenschaften identifizieren und festlegen

Die Charaktere in unseren Büchern sollten unterschiedlich sein, andernfalls verwechseln Leser sie innerhalb eines Buchs oder sogar zwischen Büchern. Wir sollten aber auch darauf achten, dass Charaktere anders als wir sind. Während wir einigermaßen gut vorhersagen können, wie ein Charakter, der uns ähnelt, in bestimmten Situationen handeln wird, müssen wir uns informieren, wie jemand mit anderen inneren und äußeren Voraussetzungen reagiert.

Hinzu kommt, dass nicht jeder Typ Mensch mit gleicher Wahrscheinlichkeit in bestimmte Situationen gerät. Das wissen wir intuitiv, deshalb kreieren wir im schlimmsten Fall Stereotype. Im besten Fall gelingt es uns, einen Charakter zu schaffen, der von der Persönlichkeit in die Situation passt und in ihr seinen Anlagen gemäß reagiert.

Stellen Sie sich eine Situation vor, in der Sie noch nie waren. Vielleicht wollen Sie eine Gruppe Freiwilliger anwerben, die jenseits der Grenze Sabotageakte an kriegswichtigen Einrichtungen durchführen sollen. Stellen Sie Vor- und Nachteile dar und bitten um eine rationale Abwägung der Risiken? Oder spielen Sie mit den Emotionen, erinnern an Demütigungen und stellen das Überleben der eigenen Art zu leben als alternativlos dar? Oder finden Sie andere Argumente? Üben Sie Druck aus? Die Worte und Taten Ihres Charakters in dieser Situation sind sicherlich andere als Ihre. Dieser Unterschied muss aufrechterhalten werden: in dieser Szene, in allen Szenen mit dem Charakter, in allen Szenen, in denen über diesen Charakter gesprochen wird.

Das Charakteristische überprüfen

Damit es keine ungewollten Brüche in der Darstellung des Charakters gibt, sind neben Fantasie auch Zeit und Planung notwendig. Nicht nur müssen Sie sich informieren, wie Menschen in den Situationen, in die Sie Ihren Charakter bringen wollen, verhalten. Dazu kann es hilfreich sein, die Rolle des Charakters in der Handlung zu durchdenken und ihn möglichst präzise zu beschreiben. Psychologische Typenbeschreiben können als Grundlage dieser Überlegungen dienen. Anschließend müssen Sie in jeder Szene darauf achten, dass der Charakter charakteristisch 😉 handelt, also so handelt, wie die Leser*innen aufgrund ihres bisherigen Wissens erwarten dürfen.

Während des Schreibens passiert es leicht, dass Sie Ihre Planungen vergessen. Daher bleibt Ihnen nur eine sorgfältige Überprüfung jeder Szene auf das Einhalten der typischen Handlungsweisen.

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