Dem Leser trauen?

Leser trauen

In Radiosendungen und auch in Fernsehberichten fällt mir in den letzten Monaten zunehmend auf, dass Informationen ständig wiederholt werden. Ich vermute, das diese Wiederholungen das Schneiden und Recyclen von Berichten erleichtern sollen. Wenn mir innerhalb einer Minute zweimal mitgeteilt wird, dass das Opfer 31 und die Täterin 43 und der Mittäter 64 ist, fühle ich mich jedoch nicht mehr ernst genommen. Ähnlich geht es unseren Leser*innen, wenn wir sie mit Informationen zumüllen. Wir sollten dem Leser trauen und der Leserin zugestehen, mitdenken zu können. Doch wir zögern …

Die Last der Information

Als Autor*innen machen wir uns über zahlreiche Dinge Sorgen. Zu den drängendsten Sorgen zählt bei den meisten vermutlich die Angst, dass die Leser*innen einen entscheidenden Punkt nicht erfassen können. Schließlich haben nicht sie das Buch geschrieben, sondern wir. Nicht die Leser*innen haben die Charaktere entwickelt, sondern wir. Daraus schließen wir, dass wir unsere Charaktere besser kennen als die Leser*innen und unseren Leser*innen deshalb nicht oft genug erklären können, was in unserem Buch wichtig ist.

In diese Sorge um die Leser*innen mischen sich oft auch unsere Zweifel, wirklich verständlich zu schreiben. Wir trauen uns selbst zu wenig zu, und unseren Leser*innen nicht viel mehr. Die Folge ist dann eine Informationsflut, die die Handlung lähmt und die Leser*innen gängelt.

Ausweg: sich selbst trauen und der Leserin sowie dem Leser trauen

Der Leserin oder dem Leser trauen, ihnen zugestehen, dass sie unseren Text verstehen und in der Lage sind, eine Information beim ersten Lesen zu erfassen, verlangt Mut. Gemeint ist der Mut, überflüssige Informationen zu streichen. Aber das Streichen ist in diesem Fall eine Notmaßnahme. Viel zeitsparender wäre es, die Informationen schon während des Schreibens sparsam zu liefern. Dazu müssen wir in unsere Fähigkeiten vertrauen, mit wenigen Worten mehr auszudrücken.

Wenn wir an uns und unsere Fähigkeit zu schreiben glauben, gelingt es uns auch, die Leser*innen aus der Gängelei zu vieler Informationen zu entlassen.

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