Nominalstil — Warum sollte ich ihn vermeiden?

Nominalstil

Der Nominalstil ist eine Folge von Bürokratie und falsch verstandener Fachsprache. Nomen heißen in der Grundschule Namenwörter. Sie sind die Namen von Objekten und von abstrakten Begriffen. Betrachten wir nur die Nomen, stellt sich sofort die Frage, ob es möglich sein kann, nur mit Nomen eine spannende Geschichte zu erzählen.

Was ist der Nominalstil?

Nomen sind die Bezeichnungen von Objekten, die wir mit unseren Sinnen erfassen können (Tisch, Haus, Kuh, Wasser), und von abstrakten Begriffen, die wir nicht mit unseren Sinnen erfassen können (Liebe, Freude, Herzlichkeit, Selbstbewusstsein). Sie stehen oft zusammen mit einem Adjektiv (der blaue Himmel) oder der Form eines Verbs, die wie ein Adjektiv verwendet wird (das laufende Pferd, der verstorbene Hausbesitzer). Diese Wortgruppen können durch Passivformen ergänzt werden (der im ersten Abschnitt erwähnte verstorbene Hausbesitzer).

Das laufende Pferd hinterließ in dem aufgeweichten Boden tiefe Spuren von ungewöhnlicher Größe.

Der im ersten Abschnitt von Kapitel zwei erwähnte verstorbene Besitzer des Hauses hatte mit dem mutmaßlichen Täter einen Pakt von nie zuvor gesehener Hinterlist geschlossen.

In diesen Sätzen erfahren wir zwar, dass etwas passiert. Aber wir fühlen uns nicht ermutigt, uns in die Situation zu versetzen. Spannung empfinden wir auch nicht. Das liegt zum einen an der Länge der Wortgruppen mit den Nomen. Es vergeht viel Zeit, bis wir die Wortgruppen gelesen haben. Zum anderen gehen die Verben durch die Übermacht der Nomen und ihrer Begleitwörter unter. Wir lesen sie zwar, aber sie können in unserer Fantasie keine Bilder wecken. Zusammen bewirken diese beiden Effekte, dass wir Probleme haben zu verstehen, was die Sätze eigentlich aussagen.

Der Nominalstil ist typisch für die Sprache der Bürokratie. Behördendeutsch verstehen auch Muttersprachler*innen oft erst, wenn sie den Text mehrfach gelesen haben. Spaß empfindet dabei vermutlich keine*r.

Wie schreibe ich spannender und verständlicher?

Die Schwäche des Nominalstils, die konzentrierte Information, ist zugleich seine Stärke. Texte im Nominalstil können viel kürzer ausfallen, als Texte, die von den Verben, also den Tätigkeiten und Aktionen, gesteuert werden. Ärztebriefe sind ein gutes Beispiel. Darin finden wir eine Krankengeschichte samt Behandlung auf eine halbe Seite konzentriert. Das spart natürlich Zeit, ist aber nur für Eingeweihte, also für die Ärzte, sofort verständlich.

Im Privatleben lesen Menschen nicht wegen der Informationen, sondern wegen der Spannung. Spannung entsteht aus der Handlung, und die können wir nur durch Verben mitreißend erzählen.

Das Pferd galoppierte über das Feld. Nach dem langen Regen war der Boden weich. Seine Hufe sanken tief in die rote Erde ein und schleuderten Fetzen von Erde und Gras in die Höhe.

Wir haben heute Morgen über den Kerl gesprochen. Ihm gehörte das Haus, aber inzwischen ist er tot. Der Typ, den wir verdächtigen, kannte ihn. Die beiden haben einen Plan ausgeheckt. So etwas Hinterlistiges habe ich selten gehört.

Verben bestimmen unsere Wahrnehmung, wie viel in einem Satz passiert. Mit einem aussagestarken Verb kann ein Satz wichtige Informationen enthalten, obwohl er kurz ist. Daher sollten wir beim Überarbeiten unserer Texte immer überlegen, ob wir die besten Verben gefunden haben.

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