Um die Guten weinen, die Bösen hassen – Das Gehirn erlebt ein Buch

(c) Ole Sevecke

(c) Ole Sevecke

Kürzlich las ich von einer Autorin, warum sie als Kind Bücher liebte. Eines Tages entdeckte sie, dass sie beim Lesen in den Kopf eines anderen Kindes schlüpfen konnte. Auf diese Weise lernte sie andere Länder und andere Lebensumstände kennen, lange bevor sie als Erwachsene Reisen unternehmen und sich größeren Überblick verschaffen konnte.

Virtuelle Körperwechsel

Beim Lesen schlüpfen wir tatsächlich in andere Personen und erleben die Welt aus ihrer Perspektive. Dabei schlüpfen wir nicht körperlich. Unser Gehirn versetzt uns in diese anderen Personen, so dass wir sehen, fühlen, handeln, als ob wir die anderen wären. Unser Körper sitzt derweil entspannt auf dem Sofa und hält Buch oder E-Reader auf den Knien. Beim mysteriösen Wechsel in den Kopf einer fiktionalen Person hilft uns der Text des Buches mit seinen Wörter und den Bildern, die sie hervorrufen.

Für Autoren bedeutet das, dass sie ihren Lesern helfen können, sich in die Handlung und die Charaktere zu begeben und mit ihnen zu fühlen. Wie wecken wir dieses Mitgefühl, auch Empathie genannt?

Livia Blackburne beschreibt in ihrem Buch „From Words To Brain“ zwei Experimente bei denen Empathie untersucht werden sollte. Bei dem einen Experiment waren Liebespaare die Versuchspersonen, also Menschen, bei denen Mitgefühl für den Partner vorausgesetzt werden konnte. Das Gehirn des einen Partners wurde gescannt, während der andere Partner draußen wartete. Beide sahen einen Monitor, auf dem zu sehen war, welcher Partner einen leichten, aber schmerzhaften Stromschlag erhielt. Erhielt der Partner unter dem Scanner den Stromschlag, sahen die Wissenschaftler, welche Hirnregionen durch den Schmerz aktiviert wurden. Wusste der Partner unter dem Scanner, dass der andere Partner den Stromschlag erhielt, wurden als Reaktion die gleichen Hirnregionen aktiviert wie zuvor bei Schmerzen am eigenen Körper.

Ähnlich verhält es sich, wenn wir über einen Charakter lesen. Wir fühlen mit ihm, unser Gehirn ist ähnlich aktiv, als durchlitten wir selbst die Tragödien dieser Person. Je mehr es dem Autor gelingt, uns den Charakter sympathisch erscheinen zu lassen, desto mehr leiden wir mit.

Rachegelüste

Nun gibt es nicht nur nette Charaktere in Büchern. Warum freuen wir uns, wenn fiesen Charakteren schlimmes zustößt, warum befriedigt uns ihr Tod oder wenigstens ihre Verhaftung oder Verurteilung? Auch hier spielt Empathie eine Rolle.

In einem anderen Experiment spielten die Versuchspersonen vor dem Scannen ein Spiel, bei dem jeder Spieler zehn Punkte erhielt. Es bestand die Möglichkeit, einem anderen Spieler Punkte zu überlassen. Dabei verdreifachte sich der Punktewert für den Empfänger. Der Empfänger hatte anschließend die Möglichkeit, Punkte an einen anderen Spieler zu schicken, die sich ebenfalls verdreifachten.

Nun befanden sich aber  Mitarbeiter des Forscherteams unter den Spielern. Einer spielte immer fair und überließ er seinen Spielpartnern viele Punkte zum gegenseitigen Nutzen, ein anderer spielte immer unfair. Wieder wurden die Gehirne gescannt. Wenn der Monitor anzeigte, dass der faire Mitspieler einen Stromstoß erhielt, reagierten die Versuchspersonen mit Empathie. Erhielt jedoch laut Monitor der unfaire Mitspieler einen Stromstoß, reagierten Frauen mit ähnlich hohen Werten des Mitgefühls. Die Empathie-Werte der Männer waren jedoch deutlich niedriger. Die Forscher untersuchten auch die Hirnregionen, die mit Belohngsverarbeitung in Verbindung stehen. Auch hier waren die Werte der Männer erhöht.

Lesen wir also über die Tragödien eines unsympathischen Charakters, empfinden wir möglicherweise Genugtuung.

Manipulation

Unser Mitgefühl für und unsere Abneigung gegen bestimmte Charaktere macht uns empfänglich für neue Erkenntnisse. Wir können, wie die Autorin, die ich eingangs erwähnte, uns öffnen für die Lebenswelt anderer Menschen. Lesen macht uns in diesem Fall offen und neugierig. Diese Offenheit kann aber auch missbraucht werden, indem man uns bestimmte Menschen immer als dumm, böse oder gefährlich präsentiert. Propaganda kann in spannende Geschichten verpackt daherkommen.

 

Dieser Post ist Teil  meines Experiments, ein Sachbuch mit einem horizontalen Inhaltsverzeichnis zu schreiben. Weitere Posts zu diesem Experiment finden Sie unter dem Schlagwort „horizontales Inhaltsverzeichnis“. Wie ich mir das Experiment vorstelle, können Sie hier nachlesen. Das Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.

Schreiben Sie mir Ihre Anregungen und Kommentare. Ich freue mich auf Ihre Ideen!

 

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