Die Sprache hinterfragt – Fremde Zeichen deuten

Zum ersten Elternabend in der ersten Klasse brachte die Lehrerin meiner Tochter ein Arbeitsblatt für die Eltern mit. Darauf war eine Tabelle mit unbekannten Zeichen neben den bekannten Druckschrift-Buchstaben. Unter der Tabelle stand ein kurzer Text in den fremden Zeichen. Unsere Aufgabe war es, den Text mit Hilfe der Tabelle zu „übersetzen“. Die Übung sollte uns einen Eindruck vermitteln, welchen Problemen sich unsere Kinder zu stellen hatten, wenn sie das Schreiben lernten.

Die Übung war sicher lehrreich für alle Eltern, vielleicht besonders für die aus sogenannten „bildungsnahen“ Haushalten, in denen Lesen und Schreiben selbstverständlicher genutzt werden. Es ist schwierig, sich Informationen auf diese Weise zu erschließen, auch zeitaufwändig. Aber die Erfahrung der Eltern entsprach nicht exakt der der Kinder im Schriftspracherwerb. Wir Eltern konnten lesen und schreiben, die Kinder mussten diese Kompetenzen erst erwerben.

Meistens kommen Menschen durch Migration in die Situation, dass sie ein neues Schriftsystem und eine neue Sprache lernen müssen. Damit stehen Menschen mit Schulbildung, für sie unerwartet, in einer Reihe mit Menschen, die auch in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben können. In vielen Fällen werden diese zwei unterschiedlichen Gruppen gemeinsam alphabetisiert, bzw. „umalphabetisiert“. Den Begriff „Umalphabetisierung“ verwendet man inzwischen nicht mehr. Man spricht, viel zutreffender, von Zweitschrifterwerb.

In seltenen Fällen führt eine Regierung ein neues Schriftsystem ein. Dies geschah beispielsweise 1922 in Aserbeidschan und 1928 in der Türkei. Solange die Gebiete der beiden Staaten zum Osmanischen Reich gehörten, verwendete man dort die arabische Schrift, die für die türkische Sprache nicht geeignet war. Mit der Einführung der neuen Schrift wurden kurzerhand alte Eliten, die in der osmanischen Kultur verwurzelt waren, entmachtet. Gleichzeitig gab es eine Spaltung der Generationen in die Alten, in der arabischen Schrift alphabetisierten, und die Jungen, in der neuen lateinischen Schrift alphabetisierten. Schriftsysteme, das zeigt dieses Beispiel, haben auch mit der Machtverteilung innerhalb von Gesellschaften zu tun.

 

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