By | 31. August 2019
Sprache hinterfragt

Schriftzeichen

Wenn Sie diesen Text lesen, sind Sie ein routinierter Leser. Ihre Augen wandern in winzig kleinen Sprüngen mehrmals pro Sekunde über die Schriftzeichen, Sie erkennen die Schriftzeichen, Sie ordnen ihnen Laute zu. Während in Ihrem Gehirn Verbindungen aufblitzen, nehmen Sie die Worte wie gesprochene Sprache wahr und verstehen sie. Das alles können Sie, obwohl Ihr Gehirn, entschuldigen Sie die krasse Ausdrucksweise, ein Primatengehirn ist. Wie kann das sein?

Schriftzeichen und das Stufen-Modell

Die Entwicklungspsychologin Uta Frith entwickelte 1985/86 ein Modell für den Schriftspracherwerb von Kindern. Voraussetzung für ein erfolgreiches Durchlaufen der Entwicklungsstufen ist eine phonologisches Bewusstheit; die Kinder müssen also in der Lage sein, die Laute einer Sprache zu unterscheiden.

Logographische Phase

In dieser Phase ist die phonologische Bewusstheit kaum notwendig. Das Kind orientiert sich an optischen Auffälligkeiten von Schriftzeichen, aber auch an Farben und Formen um die Buchstaben. Kinder in dieser Phase erkennen beispielsweise Markennamen am Logo der Marke oder sie achten auf einen besonders auffälligen Buchstaben. Die Reihenfolge der Buchstaben im Wort ist ebenfalls nicht von Bedeutung.

Alphabetische Phase

In dieser Phase erlernt das Kind die Technik des Lesens. Es kann den Schriftzeichen Laute zuordnen und erwirbt erste Regeln für die Schreibung von Wörtern. Fehler entstehen oft durch eine Übergeneralisierung von Regeln.

Orthographische Phase

Die Anwendung von Regeln wird verfeinert, sodass das Kind auch unbekannte Wörter lesen und schreiben kann. Die orthographische Phase dauert mehrere Jahre.

Schriftzeichen im Gehirn des Primaten

Das menschliche Gehirn ist alt, Lesen und Schreiben sind hingegen neue Techniken. Trotzdem können wir mit unserem Gehirn diese neuen Techniken meistern. Um Schriftzeichen zu erkennen und in Worte umzuwandeln, verwendet das Gehirn Bereiche, die ursprünglich für andere Aufgaben zuständig waren.

Neuere Forschungen zeigen, dass sich auch bei Erwachsenen das Gehirn verändert, wenn sie Lesen lernen. Bereiche, die für das Filtern von visuellen Reizen zuständig sind, koppeln dabei ihre Aktivitätsprozesse enger an für das Sehen zuständige Hirnareale. Je mehr sich die Hirnsignale dieser Areale anglichen, desto besser konnten die Erwachsenen bereits lesen.

Diese Erkenntnisse geben vermutlich auch Hinweise auf die Ursachen von Lese-Rechtschreibstörungen.

 

 

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