By | 24. Oktober 2019

Perspektive

In einem Film müssen wir in den ersten Einstellungen noch nicht wissen, aus wessen Perspektive die Szene dargestellt ist. Dennoch erhalten wir zahlreiche Informationen: Landschaft, Gebäude, Kleidung, Einrichtung, Autos etc. liefern uns Hinweise, wann und wo und unter welchen Umständen die Darsteller agieren. Das ist der Vorteil des Films. Gleichzeitig sind die Zuschauer*innen eher passiv. Leser*innen müssen ihre Fantasie einbringen, um in ihrem Kopf Bilder einer Szene entstehen zu lassen. Die benötigten Informationen liefern wir ihnen, ohne sie mit Informationen zuzuschütten. Die Berücksichtigung der Erzählperspektive ist hier eine große Hilfe für Autor*innen.

Perspektive – Wer sieht was?

Zu Beginn eines Buchs kennen die Leser*innen die Charaktere eines Romans nicht. Sie haben auch nur eine schwache Vorstellung von der Zeit und den Umständen der Handlung, Informationen, die sie dem Klappentext und vielleicht dem Cover entnommen haben. Auf den ersten Seiten suchen Leser*innen nach Anhaltspunkten, mit deren Hilfe sie die Bilder in ihrem Kopf entstehen lassen können.

Diese Anhaltspunkte können Beschreibungen der Umgebung liefern. Doch Beschreibungen benötigen Platz und sie sind statisch, nichts passiert, niemand handelt. Für Leser*innen ist es viel interessanter zu sehen, wie die Charaktere in ihrer Umgebung handeln, um sich so eine eigene Filmsequenz von den Charakteren in ihrer Umgebung machen zu können. Hier kommt die Perspektive ins Spiel.

Anders als in einem Film gibt es in Romanen keine „neutrale“ Perspektive. Selbst ein allwissender Erzähler ist nicht absolut objektiv. Wenn wir unsere Charaktere Erfahrungen machen lassen, sollten wir darauf achten, dass wir tatsächlich ihre Perspektive einnehmen und nicht aus Versehen in den Kopf eines anderen Charakters oder eines vermeintlich allwissenden Erzählers wechseln.

Perspektive – Erfahrung ergänzt Information

Es kann immer wieder vorkommen, besonders zu Beginn eines Buches, dass Leser*innen Informationen fehlen, um die Handlung einordnen zu können. Das können beispielsweise historische, technische oder kulturelle Fakten sein, die für das Verständnis notwendig sind. Wir merken das, wenn wir Bücher aus einer anderen Epoche lesen, in denen viele Details zeitgenössischen Leser*innen selbstverständlich waren, uns jedoch fremd sind. Erwähnen wir, dass die Protagonistin eine Draisine sieht, denken Leser*innen vielleicht an eine Eisenbahn-Draisine, weil sie nicht wissen, dass so auch sogenannte Laufmaschinen ohne Pedale, also Vorläufer von Fahrrädern, bezeichnet wurden. Beschreiben wir jedoch aus der Perspektive der Protagonistin, wie ein eleganter, aber verschwitzter Herr mit einem Holzgestell auf zwei Rädern zwischen den Beinen über das Pflaster holpert, können Leser*innen sich ein Bild von dem machen, was die Protagonistin vor Augen hat. Wie das beschriebene Gestell mit zwei Rädern heißt, können wir an passender Stelle nachreichen, etwa wenn Protagonistin dem bei einem Ausweichmanöver gestürzten Herrn aufhilft und er ihr erklärt, was sein Teufelsgerät ist.

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