By | 17. November 2019

Tschechows Gewehr

Der russische Autor Anton Tschechow schrieb neben Schauspielen, Romanen und Kurzgeschichten auch Ratschläge für junge Autor*innen. Berühmt ist seine Mahnung, wenn man im ersten Akt ein Gewehr an die Wand hänge, müsse im letzten Akt damit geschossen werden. Was bedeutet dieser Rat, der als Tschechows Gewehr bekannt geworden ist?

Tschechows Gewehr und Elemente in der Handlung

Ein Beispiel soll zeigen, wie Tschechows Gewehr in einer Handlung umgesetzt werden kann:

Zu Beginn der Geschichte begegnen die Leser*innen der Detektivin Juliette Kämpferin in ihrer neuen Wohnung, wo sie zum Abschluss des Einrichtens den Säbel ihres Urgroßvaters an die Wand hängt. Der Säbel ist ungewöhnlich, besonders als Dekorationsgegenstand für die Wohnung einer Frau und für das einundzwanzigste Jahrhundert. Daher erscheint es den Leser*innen nur naheliegend, dass Kommissar Anton Simpel Juliette verhaftet, weil ihr ehemaliger Klient Kevin Ungemach auf unappetitliche Weise mit einem Instrument wie Axt, Schwert oder eben Säbel zu Tode gekommen ist.

Wurde der arme Herr Ungemach jedoch durch Arsen im Zucker vergiftet, steht der Säbel in keiner Verbindung zu seinem Tod. Wenn Juliette ihn später nicht verwendet, um Heiko Bösewicht, der in ihre Wohnung eindringt, um auch hier die Zuckerdose zu manipulieren, gekonnt abzuwehren, ist der Säbel eine überflüssige Information und gehört von der Wand genommen.

Wann kann der Säbel an der Wand hängen bleiben?

Der Säbel von Juliette Kämpferins Großvater kann eine falsche Fährte sein. Immerhin hängt er an ihrer Wand, also gehen Leser*innen davon aus, a) dass er im weiteren Text Verwendung findet, und  b) dass Juliette mit dem Säbel kämpft. Der Fall b muss jedoch nicht eintreten. Wenn Hugo Überall auf der Einweihungsparty der Wohnung den Säbel sieht, ihn später entwendet und Kevin Ungemach zerlegt, sodass der Verdacht auf Juliette fällt, findet der Säbel wie in a Verwendung, aber anders als zunächst vermutet.

Egal ob Juliette Kämpferin oder Hugo Überall den Säbel ergreift und damit mordet oder verteidigt, der Säbel wurde den Leser*innen so präsentiert, dass sie ihn nicht übersehen konnten und deshalb auf seinen Einsatz warteten.

Vielleicht ist dieser Säbel nur ein Hinweis auf Juliettes Charakter. Dann wird er nur nebenbei erwähnt, weil er einer von vielen exotischen und kuriosen Gegenständen ist, die Juliettes Urgroßvater von seinen Reisen in ferne Länder mitgebracht hat. Der Säbel ist dann Teil des Settings und hat für die Leser*innen keine eigene Bedeutung. Vielmehr wirft die Ansammlung an Gegenständen Fragen auf, wie etwa die Rolle des Urgroßvaters in den deutschen Kolonien (Hat diese Rolle Bedeutung für die Handlung?) oder Juliettes Haltung zu ihrem Urgroßvater (naive Bewunderung, Zustimmung zur Idee des Kolonialismus?).

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