By | 10. September 2020

Episoden

Besonders unerfahrene Autor*innen kämpfen oft mit dem Ende ihres Romans. Es will und will nicht kommen, gleichgültig wie viel Text sie schreiben. Das unmögliche Ende ist oft der Grund, warum ein Manuskript in eine Schublade wandert und nie wieder herausgenommen wird. Das Manuskript ist eine Sammlung von Episoden, vielleicht sogar brillant geschrieben, aber ohne einen engeren Zusammenhang. Sie stehen gleichberechtigt nebeneinander, bauen nicht aufeinander auf. Es entsteht kein Zug, keine Zwangsläufigkeit, die zu einem bestimmten Ende führen muss. Wie lässt sich das vermeiden?

Von Episoden zur Handlung

Es ist nicht verboten, einfach drauflos zu schreiben. Aber es hilft immer, wenn am Anfang klar ist, wohin die Reise der Charaktere führen soll. Von diesem Ende sollte eine genauere Vorstellung bestehen als ein vages Sie versöhnen sich und leben glücklich bis ans Ende aller Tage. Das ist ein Ende, aber es lässt so viel offen, dass der Weg dahin sich nicht ergibt. Ein Ende braucht Voraussetzungen. Es ist Aufgabe der Autor*innen, in einer Handlung die Voraussetzungen für das Ende anzulegen.

Ganz am Anfang einer Idee für ein Buch stehen Bilder von Charakteren in einer Situation: Eine blonde junge Frau winkt am Bahnhof einem Zug nach. Sie sitzt am Bachufer und weint. Die Frau steht auf einer Brücke, ein Mann neben ihr. Sie steht mit dem Mann am Traualtar. Diese Bilder können mit schönen Worten beschrieben werden. Aber am Ende kommt so nur eine Sammlung Episoden zusammen. Nichts passiert. Und nichts kann passieren.

Das Ende ergibt sich durch agierende Charaktere. Autor*innen müssen den Personen in den Bildern Leben einhauchen. Sie können ein Profil schreiben, das genau erklärt, was für einen Menschen der Charakter darstellt. Aber das ist nur ein Profil. Der Charakter muss handeln. Dazu helfen Fragen: Wie ist die blonde Frau auf den Bahnhof gekommen? Wem winkt sie nach? Was wird sie unternehmen, nachdem diese Person fort ist? Was passiert, wenn sie den Bahnhof verlässt?

In einem Roman stehen Szenen nicht gleichberechtigt nebeneinander. Jede Szene hat ihre Funktion. Sie profitiert von einer vorhergehenden Szene und schafft Voraussetzungen für eine nachfolgende Szene. Wenn eine Szene gestrichen werden kann, ohne dass dies Auswirkungen auf die Handlung hat, ist sie eine Episode. Also müssen sich Autor*innen immer fragen: Was passiert hier? Warum? Und was kommt danach?

Das unmögliche Ende möglich machen

Die Frage Was kommt danach? hilft, Szenen miteinander zu verbinden. Damit sich eine Handlung Szene für Szene weiterentwickelt, bis am Ende alle Fäden zusammenkommen, müssen Charaktere aktiv werden. Es ist leichter, eine Handlung voranzutreiben, wenn die Charaktere etwas tun. Das lässt sie auch stärker erscheinen. Charaktere, die allenfalls reagieren und ansonsten passiv sind, wirken nicht nur schwach. Es ist bedeutend schwieriger, eine Handlung voranzutreiben, wenn ein wichtiger Charakter passiv am Rande steht.

Das Handeln der Charaktere lässt einen Sog entstehen. Wenn A passiert, muss B eintreten. Wenn B eintritt, ist C unvermeidlich. Zumindest muss C unvermeidlich erscheinen. Die, scheinbare, Zwangsläufigkeit der Ereignisse, führt mehr oder weniger automatisch zu einem Ende. Unerfahrene Autor*innen sind manchmal verwundert über das Ende. Dann sollten sie ihre Szenen analysieren, damit sie den Weg nachvollziehen können.

 

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