
Wer gibt mir Erlaubnis, zu schreiben? Was darf ich schreiben? Wie darf ich schreiben? Die Unsicherheit ist groß, aber sie versteckt sich gerne. Wenn ich in meinem Manuskript lese und mich frage, ob andere verstehen, was ich ausdrücken möchte, dann sticht mich die Unsicherheit. Sie lauert gerne hinter Fragestellungen, die mit dem Handwerk des Schreibens zu tun haben.
Wie gehe ich damit um?
Erlaubnis und Handwerk trennen – was genau möchte meine Geschichte?
Wenn ich schreibe, passieren merkwürdige Dinge, jedenfalls klingen sie merkwürdig für Leute, die nicht selbst schreiben. Der Anfang ist irgendwie vom Text abgetrennt. Ist das ein Prolog oder ein Fehler? Mehrere Charaktere bestehen darauf, dass ihre Gedanken auf einer Seite zu lesen sind. Dahinter muss ein Fehler stecken, mein Fehler natürlich. Es gibt viele solcher Dinge, die einfach passieren.
Wie ich mit diesen Phänomenen umgehe, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Es gibt so viele gute Ratschläge, wie man schreiben sollte und was man auf keinen Fall schreiben darf. Das alles ist in meinem Kopf und ich stimme allem zu (auch wenn sich die Ratschläge zu widersprechen scheinen). Aber in meinem Manuskript schreibe ich einfach anders.
Beim Lesen im Manuskript breitet sich Unbehagen aus. Ich bin mir unsicher, warum ich etwas so geschrieben habe. Es kann doch nicht sein, dass meine Geschichte eigene Vorstellungen hat, wie sie erzählt werden möchte. Trotzdem fühlt es sich so an.
Eigentlich habe ich neben dem Schreiben nur eine Aufgabe. Ich muss sicherstellen, dass meine Geschichte funktioniert. Wer weiß das besser als ich, die schreibt?
Wer schreibt meine Geschichte?
Damit komme ich zu der großen Frage: Wer schreibt meine Geschichte? Sind es die Bücher mit Schreibtipps, die Menschen in der Schreibgruppe, meine Testleser*innen? Meine Hand liegt um den Bleistift, meine Finger wandern mehr oder weniger zielsicher über die Tastatur. Ich habe mir die Geschichte ausgedacht.
Ich trage die Verantwortung für die Geschichte. Ich ganz alleine.
Meine Aufgabe ist es, herauszufinden, wohin meine Geschichte will. Dahin muss ich ihr folgen. Ich brauche keine Erlaubnis, ihr zu folgen. Aber ich muss einsehen, dass ich vielleicht etwas schreibe, was nicht populär ist, was nicht leicht lesbar ist, was Widerspruch auslöst. Ich muss das, was ich aus den Schreibratgebern gelernt habe, anwenden, um meine Geschichte so geschickt wie möglich in ihre Richtung zu begleiten. Aber … ich werde niemanden finden, der mir die Erlaubnis gibt, ihr dorthin zu folgen. Das wäre eine Form der Zensur.