By | 11. Februar 2018

Bei der Überarbeitung und dem Lektorat von Texten betrachten wir vier Ebenen: das Konzept, die Struktur, Stil und Grammatik und schließlich die Korrektur von Rechtschreibfehlern. Der Überprüfung der ersten drei Ebenen unterliegt ein Bereich, der einer Operation am offenen Herzen ähnelt. Die schmerzhafte und notwendige Auseinandersetzung mit Charakteren, Handlung, Erzählperspektive, Setting, Stil, Thema und Symbolik. Die Analyse dieser Bereiche ist so tiefgreifend, dass sie nicht erst durch eine Lektorin vorgenommen werden darf.

Warum eigentlich nicht? Ist es nicht die Hauptarbeit einer Lektorin, ein Manuskript zu untersuchen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Die Antwort lautet Ja, aber. Wenn die Lektorin den Text liest, befindet er sich meist in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Fertigstellung. Wenn sie in diesem Stadium grundlegende Schwachstellen feststellt, können die nur unter hohem Aufwand behoben werden. Autoren arbeiten vorher an ihrem Text, und bei ihnen liegt die erste Verantwortung für das, was sie schreiben und wie sie es schreiben. Deshalb sollten sie sich mit allen Ebenen ihres Textes auseinandersetzen.

Jeder Autor hat eine eigene Herangehensweise an einen Text. Jede dieser Herangehensweisen hat ihre Vorteile und Schwächen. Die Schwäche des Drauflosschreibens ist der Verlust des Überblicks, die Schwäche des akribischen Planens ist die Konzentration auf den Plan. Deshalb ist es notwendig, bereits während des Schreibens auf Distanz zum Text zu gehen und Fragen an den Text zu stellen, die über die Handlung hinausgehen. Letztlich beziehen sich diese Fragen auch auf die Beziehung des Autors zu dem Text und den Charakteren.

Im Blog von Beth Camp habe ich eine Methode entdeckt, die zu jedem Stadium des Schreibens erlaubt, einen tiefen und abweichenden Blick auf den Text zu werfen.

Beth beschreibt, wie sie ein Blatt Papier zweimal faltet, so dass vier gleich große Felder entstehen. In eines schreibt sie Was?, in das nächste Wie?, in das nächste Warum? und in das letzte Was wäre wenn? Im Grunde kennt man diese Fragen an den Text, nur sieht man sie meistens als lineare Folge von Fragen. In dieser Anordnung betrachtet, treten die Fragen in einen neuen Zusammenhang und eröffnen so die Möglichkeit, den Text mit neuen Augen zu betrachten.

  • Unter Was? fallen die Fragen nach der Art des Textes, der Arbeitsweise und dem Stadium, in dem sich der Text befindet.
  • Unter Wie? fallen Fragen nach der Textproduktion wie Zeiten, Dauer der Sitzungen, Schreibmedium (Stift, Schreibmaschine, Computer etc.)
  • Unter Warum? fallen Fragen nach der Motivation zu schreiben und nach der Motivation, diesen Text zu schreiben, nach dem Thema dieses Texts und wiederkehrenden Themen im Gesamtwerk.
  • Das Feld Was wäre wenn? enthält die entscheidende Abweichung von den üblichen Ratschlägen. Was wäre wenn? regt an zu überlegen, wie das unbewusst vorhandene Wissen über Thema, Charaktere, Handlung ans Bewusstsein gebracht und aktiv für das Schreiben verwendet werden kann. Hier geht es darum, die verwendete Symbolik zu verstehen, mit dem Ziel, die dahinterliegenden Ideen besser ausdrücken zu können.

Was wäre wenn? ist auch ein Bewusstmachen von Methoden wie Meditation, bzw. die persönliche Variante von Meditation, die Autoren vielleicht schon längst intuitiv verwenden.

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