By | 3. Mai 2018

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass ich in den Wochen, seit ich diesen Post geplant habe, zwei Artikel zu der gut bekannten Schreibregel „Schreib über das, was du kennst“ gelesen habe. Und ebenso wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass beide Artikel die lesenden Autoren aufforderten, diese Regel zu brechen. Genau das hatte ich vor, und genau das mache ich. Aus meiner Sicht ist es problematisch, ausschließlich über das zu schreiben, was man kennt.

„Was du kennst“ – die Vorteile

Die Schreibregel existiert nicht ohne Grund. Unsere Erfahrungen erlauben uns, eine Situation zu analysieren und nachvollziehbar darzustellen. Wir können Orte und Situationen, Motive und Charaktere beschreiben, weil wir sie in gewisser Weise erlebt und durchlebt haben. Dieses Wissen versetzt uns in eine Expertenrolle und gibt uns Selbstbewusstsein.

Die Gefahr besteht jedoch, dass sich diese Expertenrolle unbemerkt gegen uns wendet.

„Was du kennst“ – die Nachteile

Mit der Expertenrolle kommt nicht nur Selbstbewusstsein. Es droht eine Beschränkung auf die eigene Erfahrung und damit eine Verallgemeinerung dieser Erfahrung. Nicht alle Menschen erleben eine gegebene Situation gleich, sie reagieren anders. Dieses Andere, die Vielfalt menschlicher Denk- und Handlungsmöglichkeiten, verdrängen wir jedoch, wenn wir uns auf unsere eigenen Erfahrungen beschränken.

Mit dieser Selbstbeschränkung schaffen wir einen Sicherheitsabstand zwischen uns und dem Unbekannten. Wir wagen uns nicht mehr über unsere Grenzen, schicken unsere Charaktere nur noch über ausgetretene Pfade.

Damit stehen wir unserer eigenen Entwicklung, als Autoren wie als Menschen, im Wege. Zugleich vermitteln wir unseren Lesern, dass die Neugier auf das, was hinter den Grenzen unserer Erfahrung liegt, nutzlos ist. Auch unsere Leser sollen sich beschränken.

„Was du entdecken möchtest“ – der Reiz des Unbekannten

„Schreib, was du entdecken möchtest und folge den Fragen, die sich dir stellen“, das ist der Rat, den ich gebe. Schreiben erlaubt uns, mit einem Strich auf dem Papier oder einem leichten Druck auf eine Taste die Welt zu verändern. Dem alten „was wäre wenn?“ folgen wir über die Grenzen unserer Erfahrung. Wir versetzen uns in Menschen, die uns ähneln, aber doch ganz anders sind. Wir wandern durch Länder, die wir nie besucht haben und erleben Ereignisse, von denen wir kaum etwas aus eigener Anschauung wissen. Die ganze Zeit beobachten wir uns, fragen nach unseren (möglichen) Reaktionen in solchen Situationen, spekulieren über (mögliche) Motive in anderen Menschen und geben diese Fragen auch an die Leser weiter.

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