By | 28. Oktober 2018

KlischeesWir müssen die Welt verstehen, unsere Leser müssen ihre Welt verstehen und auch noch unsere Bücher. Zu unserer Orientierung brauchen wir Hinweisschilder, und das sind die Klischees, Sie fassen Informationen, Meinungen und Erfahrungen in einem leicht verständlichen Bild zusammen. Darin liegt ihr Segen, und auch ihre riesige Gefahr.

Die Gefahr von Klischees

Ein Klischee vereinfacht Sachverhalte. Wenn ich keine Ahnung habe, was in Deutschland los ist, lese ich amüsiert von Lederhosen tragenden Männern in karierten Hemden, die Bierkrüge leer trinken und laut singen. (Meine Güte, wie kernig und natürlich, diese Biodeutschen!) Oder ich lese schockiert von kahl rasierten Köpfen über fetten Leibern, die im Gleichschritt watscheln und das Horst Wessel-Lied grölen. (Diese Krauts lernen nicht dazu.)

Auch Deutsche haben eine Unzahl Klischees über andere Länder und ihre Bewohner. Wer ein Feature im öffentlich rechtlichen Rundfunk über so exotische Länder wie Schweden oder Großbritannien hört, möchte sich manchmal einfach nur die Haare raufen, denn das, was als „typisch“ dargestellt wird, hat mit unserer Alltagserfahrung in diesen Ländern erstaunlich wenig zu tun.

Doch so erstaunlich ist das nicht, denn unsere Alltagserfahrung, die wir sogar während eines einwöchigen Urlaubs machen können, ist individuell, differenziert (auch wenn wir das Wort nie denken würden) und deshalb viel schwerer vermittelbar.

Und weil es so viel einfacher ist, Klischees zu vermitteln als differenzierte Bilder, stoßen wir überall in Büchern, Filmen und sogar in Dokumentationen auf Klischees. Je nach der Färbung der Klischees halten wir eine Personengruppe für dumm, kriminell, pervers oder intelligent, attraktiv und dynamisch.

Verwenden wir Klischees unhinterfragt in unseren eigenen Büchern, vermitteln wir bestimmte Bilder und Vorstellungen an unsere Leser. Klischees sind hartnäckig. Sie bleiben in Köpfen hängen und beeinträchtigen die Wahrnehmung.

Warum geht es nicht ganz ohne Klischees?

Zunächst einmal ist unsere Sprache so voll von Klischees, dass wir Mühe hätten, alle auszusortieren und zu ersetzen. Klischees helfen nun einmal, so viele Situationen verständlich zu machen. Sie sind Wegweiser durch die Welt, im Guten wie im Schlechten.

Also dürfen und müssen wir auf Klischees zurückgreifen, wenn wir Charaktere, Umgebungen, Szenen und Hintergründe gestalten. Aber wir sind frei und tragen zudem Verantwortung für unser Werk und für unsere Leser. Deshalb müssen wir so kritisch wie möglich die verwendeten Klischees hinterfragen und uns überlegen, was passieren könnte, wenn wir auf dieses oder jenes Klischee verzichten würden.

Ausblick: Was wäre, wenn wir unsere Klischees bewusst veränderten?

Was würde passieren, wenn die Heldin frühzeitig erkennt, dass der reiche Geschäftsmann manipulativ und egoistisch ist? Wenn sie erkennen würde, dass der blasse, aber gutaussehende junge Mann ihre Unsicherheit und Unerfahrenheit ausnutzt? Wenn sie sich nicht erpressen lassen, sondern zur Polizei gehen würde? Wenn sie nicht nur blond gefärbt und sexy gekleidet, sondern auch intelligent und sozial eingestellt wäre?

Mehrere Genres würden explodieren. Der eine Leser oder die andere Leserin wäre überrascht und vielleicht erleichtert.

 

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