Die Sprache hinterfragt – Der Kampf um die Silbe

Sprache hinterfragt

Silben

Wörter bestehen aus Silben. Damit endet meist das Interesse von Autor*innen an Silben. Für sie sind Wörter viel interessanter. Wörter haben Bedeutung, Wörter haben Klang. Über Wörter kann man ideologische oder philosophische Diskussionen führen. Man kann sie nach ihrer Schönheit oder ihrer Angemessenheit in einem bestimmten Kontext bewerten. Allenfalls mag man über ihre Aussprache streiten. Ihre Bestandteile spielen für Menschen, die viel und leidenschaftlich schrieben, keine Rolle mehr. In gewisser Weise existieren diese Bestandteile unterhalb der Wahrnehmungsgrenze.

Silben – Hören und Lesen

Für Menschen mit geringer oder fehlender Alphabetisierung stellen die Bestandteile von Wörtern große Herausforderungen dar. Wenn sie gleichzeitig eine neue Sprache und Lesen und Schreiben lernen sollen, ist die Anstrengung enorm. In diesem Fall ist alles neu: die Wörter und ihre Bedeutungen, die Laute, die Schriftzeichen und das Verbinden von Zeichen mit Lauten zu einer Bedeutung.

In meinem neuen Alphabetisierungskurs setzen wir uns seit knapp drei Wochen mit den Buchstaben A, a, E, e, I, i, O, o, U, u, L, l, M, m, N, n, R, r, S, s, T, t auseinander. Die meisten Teilnehmer*innen können den Buchstaben einen Lautwert sicher zuordnen. Was einigen noch große Probleme bereitet, ist die Verbindung von zwei oder drei Buchstaben zu einer gesprochenen Silbe.

Silben an sich kennen alle Teilnehmer*innen inzwischen. Silben machen ihnen Spaß. Sie können sie schwingen und Silbenbögen unter Wörter malen. Sie können sie klatschen und die einzelnen Klatscher auf Deutsch zählen. Heute haben sie entdeckt, dass sie in unbekannten deutschen Wörtern die Silben hören, klatschen und zählen können. Das ist eine wichtige Erkenntnis.

Silben – die Bestandteile von Wörtern

Aber das sind nur die Klatscher, die sie mit den Händen ausführen. Alle müssen lernen, zwei Buchstaben wie n und a einen Lautwert zuzuordnen. Und sie müssen lernen, wenn sie na sehen, eine Verbindung von n und a zu sprechen. Erst dann ist es ihnen möglich, aus Na und se Nase zu lesen und zu erkennen, dass Nase das Ding in der Mitte ihres Gesichts ist.

Während einige Teilnehmer*innen für O-ma malt Ro-sen Silben einzeln erlesen und dann zu Wörtern und schließlich zu einem Satz mit angemessener Intonation machen können, kämpfen andere um die Verbindung zweier Buchstaben.

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