Manuskript überarbeiten, nicht das Leben

Manuskript überarbeiten

Die Idee zu diesem Post kam mir beim Lesen eines Textes, der sich eigentlich um biografisches Schreiben dreht. Es ist nachvollziehbar, dass es schwierig sein kann, über die Tiefpunkte des eigenen Lebens zu schreiben, insbesondere wenn man andere Menschen verletzt hat. Aber ebenso ist es vorstellbar, dass Autor*innen ein Manuskript überarbeiten und dabei das Leben der Protagonist*innen von negativen Erfahrungen und Taten bereinigen. Gegenüber Leser*innen erscheint mir das ebenso problematisch wie das Verschleiern von unangenehmen Tatsachen im eigenen Leben.

Das Manuskript überarbeiten, nicht bereinigen

Ich möchte mich hier nur einem Aspekt bei der Überarbeitung eines Manuskripts widmen. Das Wort bereinigen hat einen Beigeschmack von Zensur. Bei der Überarbeiten streichen wir oft Textstellen, mit dem Ziel, den Text straffer und klarer zu machen. Eine Folge davon kann sein, dass wir Nebenstränge entfernen, bzw. Textstellen, die weniger sind als Nebenstränge, die aber kleine Einblicke in die Charaktere gewähren. Einblicke, die im großen Rahmen der Handlung tatsächlich nebensächlich sind und deshalb möglicherweise entbehrlich erscheinen.

Fehlen diese kleinen Einblicke, kann dies Auswirkungen auf die Darstellung des Charakters haben. Streichen wir sarkastische Bemerkungen aus seiner wörtlichen Rede, vermitteln wir nur noch Fakten, nicht aber das Gefühl für einen relevanten Wesenszug. Über die Länge des Manuskripts kann das Fehlen solcher Randbemerkungen den Charakter positiver erscheinen lassen als er angelegt wurde. Eventuell hat das Fehlen sogar Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit.

Außerdem schätzen manche Leser*innen gerade derartige Randbemerkungen.

Stellen zum Streichen auswählen

Lektor*innen bekommen Textstellen wie die oben erwähnten Randbemerkungen oft gar nicht zu sehen. Wir streichen sie, lange bevor wir das Manuskript fremden Augen vorlegen, meistens mit dem Ziel, Seiten zu sparen. Wenn wir dieses Ziel verfolgen, sollten wir nicht aus den Augen verlieren, was wir mit jeder Streichung erreichen oder anrichten.

Umgekehrt sollten wir uns fragen, wie eine wichtige Information aus einer gestrichenen Textstelle diskret in den restlichen Text eingearbeitet werden kann. Dabei ist es hilfreich, auf die Notizen zu den einzelnen Charakteren zurückzugreifen und zu überprüfen, ob der Eindruck eines Charakters bei den Leser*innen durch die Streichung verändert wird.

Um sicherzugehen, dass die Stimmung und Wirkung durch die Streichungen nicht verloren geht, sollten wir gestrichene Textstellen in einem extra Dokument speichern. Auf diese Weise können wir darauf zurückgreifen, sollten wir uns entscheiden, sie wieder einzufügen. Auch sollten wir immer ältere Versionen des Manuskripts aufbewahren, um im Zweifelsfall Änderungen nachvollziehen zu können.

Kommentar verfassen

Related Post

Wie viele Wörter sind „genug“ für ein Manuskript? – ein Blick auf verschiedene Textsorten und Erwartungen von Agenten und VerlegernWie viele Wörter sind „genug“ für ein Manuskript? – ein Blick auf verschiedene Textsorten und Erwartungen von Agenten und Verlegern

„Wie viele Wörter darf ein Manuskript haben?“ lautet eine häufige Frage. Ebenso häufig liest man „Wie viele Wörter sollte ein Manuskript haben?“ Das Modalverb sollen verrät, dass sich ein Autor auf der Suche nach einem Standard befindet. Das Wort Standard wird uns später noch begegnen. Was schreibst du? Die Anzahl

Kreatives Schreiben: Was die Schreibwerkstatt Autoren bietetKreatives Schreiben: Was die Schreibwerkstatt Autoren bietet

Schreibwerkstatt ist eine der ältesten Kategorien auf Sevblog – Self-Publishing und Schreiben. Inzwischen gibt es sechsundzwanzig Posts zu diesem Thema, und es kommen immer weitere dazu. Angefangen hat es 2012 mit einer zehnteiligen Serie, die alle Schritte des Schreibprozesses, von der Ideenfindung über die Organisation des Schreibprozesses bis zur Überarbeitung

%d Bloggern gefällt das: