By | 7. Juni 2018

Die bekannte Schreibregel „Show, don’t tell“ (Beschreib es, sag es nicht), hat eine wichtige Ergänzung: Imply, don’t state (Impliziere, sag es nicht). Diese Ergänzung ermöglicht dem Leser, eigene Schlüsse über Gefühle und Stimmungen aus dem Text zu ziehen. Gleichzeitig hilft sie Autoren, einen Text kürzer zu halten. Wie gelingt das?

Wenn ich einen Text erzähle, kann ich ihn kurz halten, gleichzeitig nehme ich meinen Lesern die Möglichkeit, über die Charaktere und ihre Situation zu spekulieren.

Julia war in Tränen aufgelöst. Albert stand neben ihrem Stuhl. Er wusste nicht, wie er mit ihrem Ausbruch umgehen sollte.

Diese knappen Sätze geben uns zwar wichtige Informationen, leider lassen sie uns keinen Spielraum für eigene Überlegungen. Wenn ich versuche, dem Leser diesen Spielraum zu geben, kann es passieren, dass ich ihn mit Informationen überflute und auf diese Weise doch wieder einschränke.

Julia sackte auf einen Stuhl. Mit einem Laut zwischen Schrei und Schluchzen ließ sie den Kopf auf die Tischplatte fallen. Albert stand wortlos neben ihrem Stuhl. Er betrachtete die zuckenden Schultern und den bebenden Rücken, als säße eine Fremde vor ihm. Zaghaft hob er eine Hand, ließ sie aber wieder sinken, ohne Julia berührt zu haben.

In dieser Variante der Szene sieht der Leser, was Julia und Albert machen. Er kann nun seine eigenen Schlüsse ziehen, die hoffentlich dem entsprechen, was der Autor ihn vermuten lassen wollte. Gleichzeitig sind viele Wörter dazu gekommen, die – betrachtet über das gesamte Werk – das Manuskript aufblähen. Hinzu kommt eine geringe Distanz zu den Charakteren. Manche Leser lieben das, andere fühlen sich durch diese Nähe bedrängt.

Julia sackte auf einen Stuhl und ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken. Albert stand neben ihrem Stuhl. Er verschränkte seine Hände hinter dem Rücken und betrachtete das Zucken ihrer Schultern. Kein Wort fiel.

Die dritte Variante der Szene kommt mit weniger Wörtern aus. Handlungen und Gefühle  sind impliziert, die Distanz zu den Charakteren ist groß. Der Leser ist gezwungen, sich aktiv mit der Szene auseinanderzusetzen. Das möchte nicht jeder Leser, und es ist nicht für alle Altersgruppen geeignet. Leser benötigen Lebenserfahrung und müssen in der Lage sein, Situationen anhand von Mimik und Gestik der agierenden Personen zu deuten.

 

 

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