Sprache und Identität

 Kürzlich habe ich über gefährdete Sprachen geschrieben. Es steht zu befürchten, dass von den derzeit gesprochenen 6.900 Sprachen auf der Erde in diesem Jahrhundert bis zu 90% aussterben.

Warum ist es so wichtig, wenn es die eine oder andere Sprache nicht mehr gibt? 6.900 ist eine große Zahl, außerdem verstummen die Sprecher dieser Sprachen ja nicht, sie sprechen eine andere Sprache. Damit sollten sie sich gut bedient fühlen.

So zynisch könnte man das Aussterben von Sprachen sehen.

Der 2010 veröffentlichte Bericht der Gesellschaft für bedrohte Völker weißt darauf hin, dass es die Sprachen von Minderheiten sind, die zu verschwinden drohen.

Verlieren Gemeinschaften ihre Sprache, verstummen die Sprecher nicht im wörtlichen Sinne. Sie sprechen weiter in anderen Sprachen. Aber Vorstellungen, Erfahrungen, die kulturelle Identität der Gemeinschaft geht verloren. Niemand kann die alten Geschichten erzählen, niemand kann die alten Gedichte verstehen. Wissen geht verloren, möglicherweise relevantes Wissen für die gesamte Menschheit.

Autoren haben eine besondere Bedeutung im Kampf um den Erhalt von Sprache. Wenn sie in der bedrohten Sprache veröffentlichen, schaffen sie in einem Buch einen Gegenstand, der die Sprache festhält und der Ideen in dieser Sprache wiedergibt.

Spricht man von bedrohten Sprachen, sind meist die Sprache von Volksgruppen gemeint. Die Sprachen von Migranten zählen meist nur dazu, wenn diese Sprachen in ihrem Verbreitungsgebiet gefährdet sind. Sprachverlust droht jedoch auch in Familien, die als Migranten zur Assimilation gezwungen die Mehrheitssprache sprechen.

Erhalt und Pflege von Sprache ist nicht nur auf Minderheiten beschränkt. Sprache können leiden, wenn ihre Sprecher zu nachlässig mit ihnen umgehen. Dazu kann gehören, dass man lieber Ausdrücke aus anderen Sprachen verwendet, statt die Produktivität der eigenen Sprache zu nutzen und einen entsprechenden Ausdruck zu schaffen. Sprachen erstarren, wenn sie sich nicht weiterentwickeln dürfen.

Wieder sind die Autoren gefragt, durch einen kreativen Umgang mit Wortschatz und Grammatik ihre Sprache lebendig und flexibel zu erhalten. Aber jeder einzelne Sprecher steht in der Verantwortung – für den Fortbestand der eigenen Sprache und den Erhalt jeder anderen.

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