By | 24. März 2019
Sprache hinterfragt

Buchstaben

Buchstaben spielen für Autoren und Dozenten eine große Rolle. In der Reihe Die Sprache hinterfragt habe ich schon mehrfach über das Erlernen neuer Schriftzeichen und die damit verbundenen Herausforderungen geschrieben. (Beispielsweise hier oder hier) Aus gegebenem Anlass mache ich mir heute noch einmal Gedanken zu dieser Frage. Ich habe vor einigen Wochen einen Wiederholerkurs von Analphabeten übernommen. Einige Teilnehmer können nach über einem Jahr Unterricht kaum die Buchstaben erkennen.

Buchstaben für die Autorin und die Teilnehmerin

Wenn ich unterrichte, halte ich die Autorin im Hintergrund, doch natürlich ist sie immer anwesend, beobachtet den Unterricht und stellt Überlegungen über die Sprache an. Wenn die Autorin schreibt, jongliert sie die Buchstaben zu Wörtern, die Wörter zu Sätzen, die Sätze zu Texten. Das Nachdenken erfolgt über den Inhalt des Textes und nach seiner Fertigstellung über das möglichst attraktive Arrangieren der Sätze. Über Buchstaben denkt die Autorin nicht nach, sie sind zu selbstverständlich, was sowohl die Form als auch die Lautwerte angeht.

In diesem Kurs begegnet die Autorin einer Teilnehmerin, die vor ihrem Deutschkurs (bei einem anderen Träger) nie zur Schule gegangen ist. Beim leisen Lesen erkennt sie viele Wörter als Bild und versucht, sich über diese Wortbilder den Sinn des Satzes zu erschließen. Beim Vorlesen steht sie dagegen vor dem Problem, die Buchstaben zu erkennen und ihnen einen Lautwert zuzuordnen. Da sie die Lautwerte nicht zu einem Wort verbinden kann, erkennt sie das vorgelesene Wort nicht.

Autorin und Teilnehmerin lesen ein Wort

Beispielsweise ist im Lehrwerk ein Paar Strümpfe abgebildet, daneben steht das Wort bunt. Eigentlich ist das Thema die Adjektivdeklination bei unbestimmtem Artikel. Die Teilnehmerin sollte den Satz „Das sind bunte Strümpfe“ bilden. Doch an das Deklinieren des Adjektivs ist zunächst nicht zu denken. Sie betrachtet das Bild und sagt selbstbewusst „Das sind Socken“. Socken und Strümpfe sehen sich ähnlich genug, und auch deutsche Muttersprachler wären bei der Betrachtung des Bildes wahrscheinlich uneins darüber, ob es sich um Socken oder um Strümpfe handelt. Da die Teilnehmerin das große S erkannt hat, fühlt sie sich in ihrer Vermutung bestätigt. Leider folgt in diesem Fall auf das S ein t, was gegen das Wort Socken spricht. Ich mache sie darauf aufmerksam. Sie fängt bereitwillig an, die Buchstaben zu benennen, benennt sie teilweise falsch, kann die Lautwerte nicht zuordnen. Nach zwei Minuten haben wir das Wort gemeinsam gelesen. Der Rest des Kurses sitzt angespannt dabei, nicht allen ist klar, dass dort Strümpfe steht. Dann lesen wir noch zusammen bunt. Dann kann die Teilnehmerin ohne nennenswerte Probleme „Das sind bunte Strümpfe“ sagen.

In über einem Jahr Unterricht hat sie nicht lesen gelernt, obwohl sie am Unterrichtsgespräch aktiv teilnimmt und sogar anbietet vorzulesen.

Wie geht es der Autorin dabei?

Viele Dozentinnen wehren ab, in einem Alphabetisierungskurs zu arbeiten. Ebenso wenig beliebt sind Wiederholerkurse. Ein Wiederholerkurs für Teilnehmer aus Alphabetisierungskursen ist, gelinde gesagt, eine Herausforderung. Im Hintergrund steht auch immer die Frage, ob die Teilnehmer in einen Wiederholerkurs hätten gehen müssen, wären sie von Anfang an von einer „guten“ Dozentin unterrichtet worden. Das zu fragen, ist jedoch müßig.

Als Autorin habe ich ein besonders enges Verhältnis zu Buchstaben, Wörtern und Grammatik. Mein Ziel ist, gerade in einem so schwachen Kurs, die Neugier und die Freude an den Buchstaben zu wecken und zu stärken. Die Stimmung im Kurs ist gut, das Interesse größer als in so manchem anderen Kurs, die Mitarbeit ist rege. Ich habe die Hoffnung, dass ich mein Minimalziel, erreichen kann. Die Teilnehmer erfolgreich in die Prüfung zu führen, halte ich für illusorisch.

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